ABHÄNGIGKEIT

Ich hielt den Atem an
Überließ Dir den Sauerstoff
Wurde zum Baum

Du läufst an mir vorbei
Sitzt in meinem Schatten
Beachtest mich kaum

Wenn Du atmest, atme ich
Wenn ich sterbe, stirbst Du
Zurück bleibt nur unser Traum

Traum von Freiheit und Freude
Traum von Wahrheit und Wurde
Traum von Lebensraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNRUHIGER FRIEDEN

Alle warten auf irgendeinen Startschuss
Keiner weiß wann oder genau wozu
Angespannt wartend brennen wir ohne Ruh
Schwankend zwischen Genuss und Verdruss.

Irgend ein Krieg kommt immer näher
Alle spüren es, jeder auf seine Weise
Eine innere Stimme mal laut mal leise
Die Sehnsucht nach Frieden, hehr. Sehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHWER ZU SAGEN

Ich lief auf Zehenspitzen
auf einem Regenbogen
und er trug mich mühelos
schwerelos, ja sogar gewichtlos

Ich griff nach einer Wolke
und sie war fest wie ein Fels
als wäre ich die Wolke fast
und, weniger noch, ein Ich ohne Sein

Ich saß rittlings auf einer Welle
und ich durchbrach die Oberfläche nicht
sondern sie beförderte mich auf leichten Füßen
und setzte mich auf die Schwelle…

…deines Herzens. Doch all meine Leichtigkeit
lag schwer, schwer, schwer wie Blei
auf Deinem Gewissen, und ich sank
wie Stein im Treibsand Deiner Unzufriedenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHER ALS GEDACHT

Die Ferne tut weh
Doch die Nähe noch mehr
Fernweh ist übertrieben
„Nahweh“ ist schwerer zu ertragen

Was habe ich in der Ferne verloren?
Alles, was uns quält, und heilt,
Alles, was uns einengt, alles, was uns befreit
Es ist alles hier. Hier und jetzt.

Das Fremde weilt nicht in Übersee
Das Eis ist immer der kältere Schnee
Am meisten tut die Nähe weh.
Und die unerfüllte Sehnsucht danach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WERDE SEHNSUCHT

Der tieftönige Abend
Atavistisch
Trägt intus keine Erinnerung an den Tag
Er IST der Abend vor dem Tag
Es werde noch kein Licht

Es werde erst Sehnsucht
Jene dumpfe Sehnsucht ohne Gedächtnis
Vorahnen von Morgen
Das raunt die Zaubermacht des Morgens
Verspricht jeden Abend eine neue Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBESKRANK

Für eine Ohrfeige
Schenkt sie Dir ein dunkles Grinsen
Daß Dich erschreckt und befriedigt
Denn Du merkst, sie ist krank
Krank vor Liebe
Krank ohne Liebe

Und Du weißt nicht,
Welchem Teil von Dir Du gehorchen sollst:
Dem Biest oder dem Engel
Dem Feigling oder dem Ritter.
Denn Du möchtest sie töten
Und Du möchtest sie retten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH ANKUNFT

Wie noch nicht bis zu Ende durchdachten Gedanken
stürmten wir bis ans Ende der Welt
fanden dort und an jedem dazwischen liegenden Ort
keinen Sammelpunkt unserer Würde,
wurden zu Würdeträgern ohne Tragenden oder Tragbaren
oder Getragenen.
Jetzt ertragen uns fremde Heimatschützer und wir sie,
wir vertragen uns gegenseitig gerade noch
mit Mühe und lästiger Würde.

Schnell erkannten wir den Betrug unserer Gedanken
die uns hinaus trugen aber nicht hinein –
das ist die Art von unfertigen Gedanken
sie sammeln ihre Punkte unterwegs und lassen sich verändern
getragen von dem Wunsch nach Erfüllung.
Da sind wir also, Wunsch- und Wundenträger
ohne Linderung durch unsere verstreuten Kinder
die unseren zerstreuten Gedanken nicht folgen können
sie aber irgendwie vollenden müssen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung