MENSCH IST MENSCH

Wie wirst Du Deutsch
wenn Du Weiß bist
und nicht weißt,
daß Du Weiß bist?

Wie wirst Du Schwarz
wenn Du Deutsch bist
und nicht weißt,
daß Du Deutsch bist?

Wie wirst Du Mensch
wenn Du nur Weiß bist
wenn Du nur Schwarz bist
wenn Du nur Deutsch bist?

Wie wirst Du Deutsch
Wie wirst Du Schwarz
Wie wirst Du Weiß,
wenn Du nur Mensch bist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER VERSTECKTE NEIDER IM SPIEGEL

Der Neid hat eine komische Art
Manchmal erkennt man ihn nicht
Obschon er in einem selber wie ein Ich-Wart
Wohnt und wirkt und jedem neidet sein Licht

Ein Schmerz, mit dem man
Sein ganzes Leben lang lebt
Als normal einstuft und vergisst irgendwann
Ihm selbstverständlich, eingelebt

Jeder des anderen Bewegungen angepasst
Wechselwirkung sich bestätigend
Sein Innenleben durchdrungen und erfasst
Er und sein Schmerz an einander klebend

Sein Schmerz, sein Leiden, sein Neid
Seine Wunde, sein Schwert und sein Schild
Seine Ich-Sucht, und die weiß stets Bescheid,
Sein schön verkleidetes Spiegelbild.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Es liegt bestimmt in der Luft, und ist geladen. Wie Funken springt es von Docht zu Docht und es schießt aus jedem Munde eine Flammenzunge heraus.

Wie letzte Woche, als meine Frau und unsere zwei Kinder zusammen mit ihrer aus Eritrea stammenden Freundin Tigi und deren drei Kindern in IKEA einkaufen waren. Die waren schon fertig und ruhten sich, vor der Heimfahrt, beim Imbiss hinter der Theke, da in der Nähe der Kinderspielecke, aus. Eine einst lebhafte, nun müde gewordene und trotzdem gutgelaunt gebliebene Truppe saßen an einem Tisch voller Eis, Getränke und Gebäck, Kinderstimmen und sieben Herzen.

Auf einmal stand ein Mädchen neben ihrem Tisch, ungefähr so groß wie meine Tochter aber bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Auf acht schätzt es meine Frau, die zusammen mit Tigi und den Kindern das Mädchen neugierig anschauen.

Seine hellen grün-grauen Augen sind groß, offen, direkt, ehrlich. Genau wie die Worte, die aus seinem Mund kommen. Eine Frage, an Tigi und an alle fünf Kinder gerichtet:

„Seid Ihr Flüchtlinge?“

Die zwei erwachsenen Frauen, eine deutsch, die andere eritreanisch, fahren vor Entsetzen fast aus dem Hocker. Sie glauben nicht, was sie gerade gehört haben. Ihnen versagt kurz die Sprache.

Nicht aber meiner Tochter. Überrascht schaut sie das Mädchen an und antwortet genau so offen, direkt, ehrlich:

„Nein, sind wir nicht. – – – Bist Du einer?“

Verwirrt scheint das Mädchen über die Gegenfrage zu rätseln. Schließlich schüttelt auch es den kleinen dunkel-blond gelockten Kopf, sagt Nein, gesellt sich ohne Weiteres zu den Kindern und setzt an, mit ihnen Kind zu sein.

Bis nach einer Weile seine Eltern auftauchen und es sich von dem Tisch wieder löst und zu ihnen geht…

Zurück… in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

Kurz bevor sie Richtung Ausgang verschwindet, dreht sie sich um und winkt. Die Kinder winken zurück.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM