DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SOZIALE DISTANZIERUNG

Wir sind die Träger
wenn wir uns zur Verfügung stellen.
Wir sind die Erträger
wenn andere sich zur Verfügung stellen.
Das Virus sucht dringend Soldaten
und Botschafter menschlicher Art.
Die Menschheit sucht simple Heldentaten
zum größten Teil seßhafter Art:
Das Vertragen des eigenen Selbst im Privaten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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ANNÄHERUNG

Manche werden wir nie wieder sehen
nach diesen Tagen gesellschaftlicher Entfernung
Manche Menschen, manche Sitten, manche Arbeitsstellen
nach Social Distancing, Krankheits- und Todesfällen,
nach Dummheit, Angst, Gier und Vorurteilen.
Drum: Teilet tiefe Blicke und saget „Auf Wiedersehen“,
mit Hoffnung auf eine tiefere Annäherung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung