DER HIMMEL HÖRT NICHT AUF

Er saß neben mir im Auto
Ich fuhr
Ich nahm heute einen neuen, längeren, Weg
Durch den Wald…

Ist das mein Wald, rätselte er laut und nachdenklich?
Ich schmunzelte
Dann verschwand ohne Warnung der Wald
Und er schaute nach oben mit aufleuchtenden Augen

Es war ein wunderbarer hellblauer Morgen ohne Wolken
Er staunte
Dann sagte er voller Bewunderung:
Der Himmel hört nicht auf.

Gel, Papa? Der Himmel hört niemals auf.

Ich brachte ihn zum Kindergarten
Und beschloß
Ihm diese seine Worte in einem Gedicht zu verewigen
Für die Zeit, wenn er längst kein Kind mehr ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ODEM

Als ich im Dunkeln
Dem Atmen meines Sohnes lauschte
Dachte ich an meinen Vater
Der nachts gerne wach lag
Vielleicht saß er auch so neben mir
Und lauschte
Und ich denke an meinen Sohn
Und frage mich, ob er eines Tages
Auch genau so sitzen wird
Dem Atmen seines Kindes in der Nacht
Lauschend und sich dabei wundernd
Ob sein Vater einst auch seinem Atmen
Lauschte in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije (15.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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VÄTER WERDEN VON VÄTERN ERZOGEN

Väter werden von Vätern erzogen.
Ganz bewusst habe ich nicht gesagt:
Söhne werden von Vätern erzogen –
Das geschieht sowieso ungesagt.

Als ich Vater wurde war er schon in mir
Längst vorbereitet von meinem vor mir –
Wer Tugenden und Werte weiter pflanzt,
Hat die Kultur der Weiterpflanzung weitergepflanzt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EINFACHE WUNDER

Von der anderen Seite kam sie
Blindenstock hin und her den Boden fegend
Eine alte Dame, verunsichert wirkend –
War sie neu in dieser Gegend?

Er stürmte an mir vorbei
Auf Grün hat er nicht gewartet
Schnell war er an ihrer Seite –
Hat sie ihn erwartet?

Die Nacht wich dem Tag
Die Wolken zerstreute die Sonne
Die schönsten Wunder des Universums
Ihr trübes Gesicht erhellte mit Wonne

Er legte seinen Arm auf ihre Schulter
Sie lief mit ihm weiter, nicht mehr allein
Ein Sohn vielleicht mit seiner sehbehinderten Mutter –
Wie schön es ist, Mensch zu sein.

– Che Chidi Chukwumerije.

RÜCKSPIEGELUNG

Als sie Probleme, Missverständnisse
Mit ihrem Freund bekam, schlichtete ich
Doch war sie überrascht
Daß ich mit ihm Solidarität zeigte
Obwohl sie meine gute Freundin war

Ich bin halt kein Frauenversteher
Sagte ich, leise, ihr
Auch wenn ich Gedichte schreibe –
Das glaube ich dir nicht, sagte
Sie, das begreife ich nicht.

Ich sagte – ich hab zu lang ritterlich
Meiner Mutter immer Recht gegeben
Bis wurde mein Papa einsam und schweigsam
Und ich älter und ein Papa auch
Und habe, fast zu spät, begriffen

Wir Männer trotz Fehler sind am Ende
Doch alles, was wir gegenseitig haben.
Wenn nicht mal wir uns verstehen
Wer soll es tun? Mein Vater hat
Einfach das Beste getan, was und wie er konnte.

Vielleicht steckt nicht ohne Grund
Der Begriff Sohn
Irgendwo in dem Wort Versöhnung
Irgendwann wird das Leben zum Assoziationsspiel
Wer fährt dann vorwärts ohne Blicke in den Rückspiegel?

– Che Chidi Chukwumerije.

MUTTER UND SOHN

Im Worte Mutter liegt das Wörtchen Mut
Im Wort Versöhnung schwingt irgendwo der Begriff Sohn
Und heute habe ich den Mut gefasst
Und mich mit meiner Mutter versöhnt

Es hat Weh getan und es tat gut
Ich habe gelernt, Schmerzen auszusprechen
Statt schweigend mich abzuwenden
Ich habe gelernt, Vergebung zu geben
Und entgegen zu nehmen

Ich habe gelernt, daß sich zu entschuldigen
Nur die halbe Strecke ist –
Du musst Dich aber dann auch verändern

Ich habe gelernt, daß Rache
Ob bewußt oder unbewußt ausgeführt
Mehr schadet als sie richtet
Aber wenn wir Liebe in unseren Herzen tragen
Werden diese Schäden zu unseren Lehrern…

Und vieles kann man nicht verändern
Alles kann man nicht haben
Auf einiges muss man sich verzichten
Anderen zu liebe…

Und eine kleine Tat der Versöhnung
Kann in Einem etwas bewirken
Was seine ganze Welt verändert
Und ihn seinen Qualen entlässt…

Selbst wenn ich jetzt sterben würde
Sterbe ich mit Frieden in meinem Herzen.

– Che Chidi Chukwumerije.