SOMMERTAG IM JULI

Sonne und Wolken spielen Fangen
Sommersonne und Regenwolken
Blaue Himmelstücke, unbefangen –
Der Tag wird seiner Schätze gemolken.

Ich trage dieses Bild mit mir
In den Abend und in die Nacht –
Für immer jetzt und für immer hier
Jeder Moment, in dem meine Empfindung lacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITREISEN

Die Natur erzählte mir, daß
sie die Fragen im Winter sammelt
im Frühling vergißt
im Sommer wieder in Erinnerung ruft
und im Herbst beantwortet.

Schweigen ist keine Schwäche
sondern ein Werkzeug
Geduld ist das Licht, in dem
das Unklare langsam klarer wird
Die Zeit ist ein Freund der Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DEN HERBST VERSTEHEN

Manchmal musst Du gelebt haben
Und gestorben sein
Um den Herbst zu verstehen
Um genüßlich Dich an trocknem Wein
Nachdenklich zu laben
Am Abend Deines neuen Seins
Weder dem Sommer nachsinnen
Noch den Winter vorspinnen
Nur Herbst in Dir singen lassen
Und wenn Du äußerlich unbeweglich scheinst
Denn nur weil Du der erwachsen gewordene
Stabile ruhige Krug
Der alles ertrug, geworden bist
In dem heute die tobende Brandung
Ihre Verankerung sucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REIFUNG

Die Temperatur fällt
Es fallen die Blätter ab
Das Feuer lockt zum Herd
Die Kälte zum Grab

Mensch und Tier ziehen zusammen
Wärme geteilt, wie Gedanken, wie Gefühle
Wie Empfindungen, wie die Einsamkeit
Ist Wärme vertieft. Als Kern, als Hülle.

Der Höhenflug des Sommers
War lang. Die innere Rückreise
Zu den Kernfragen setzt nun an
Langsam, herbstlich, reif, leise.

Reif wie Dein schweigender Blick
Wo einst Du so viel gesagt hättest
Reif wie unsere abgekühlte Liebe, die
Du im letzten Augenblick noch rettest.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ANGESTECKT

Ein rotes Tier
Spielt neuerdings im Wald
Es färbt ab

Wie ein Gedanke
Der von Kopf zu Kopf
Sich fortpflanzt
Bis ein ganzes Volk
Einst im Frühling seines Schmerzes
Jetzt den Sommer verdirbt
Zum roten Herbst wird

Ein gelbes Tier
Wartet welk am Rand
Farbe in Hand. Bald dran.
Danach folgt das Graue.
Gefolgt, gedeckt vom stillen weißen Tod.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER HERBST REGT SICH

Herr Herbst
Wie ein Raubritter
Stehlt uns langsam das Sommergrün
Überlässt schleichend uns Laubglitzer
Wo bunte Strahlen kalt glühn
Auf Ästen nackt grau bitter
Und herb.

Morgendlicher Herbstregen
Wie ein graublaues Staubgitter
Herbst noch nicht ganz
Sommer nicht mehr, Urlaubzwitter
Zwischen Schlaf und Tanz
Das Gemüt gewöhnt sich, taub, zitternd
Wieder an Herrn Herbst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ABWECHSLUNG

Wir genießen die Sonne
Weil sie unter geht

Schön ist die tiefe Wonne
Die in mir entsteht

Denn Du bist mir gekommen
Mit allem, was Du bist

Hast strahlend hell geglommen
Erregter Amethyst

Geweckt das frohe Fließen
Gefrornes Morgentaus

Doch intensiv genießen
Halt ich nicht ewig aus

Des Sommers und des Winters
Bin ich beides gleich

Das Schließen des Fensters
Öffnet zum Innenreich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung