DEN HERBST VERSTEHEN

Manchmal musst Du gelebt haben
Und gestorben sein
Um den Herbst zu verstehen
Um genüßlich Dich an trocknem Wein
Nachdenklich zu laben
Am Abend Deines neuen Seins
Weder dem Sommer nachsinnen
Noch den Winter vorspinnen
Nur Herbst in Dir singen lassen
Und wenn Du äußerlich unbeweglich scheinst
Denn nur weil Du der erwachsen gewordene
Stabile ruhige Krug
Der alles ertrug, geworden bist
In dem heute die tobende Brandung
Ihre Verankerung sucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REIFUNG

Die Temperatur fällt
Es fallen die Blätter ab
Das Feuer lockt zum Herd
Die Kälte zum Grab

Mensch und Tier ziehen zusammen
Wärme geteilt, wie Gedanken, wie Gefühle
Wie Empfindungen, wie die Einsamkeit
Ist Wärme vertieft. Als Kern, als Hülle.

Der Höhenflug des Sommers
War lang. Die innere Rückreise
Zu den Kernfragen setzt nun an
Langsam, herbstlich, reif, leise.

Reif wie Dein schweigender Blick
Wo einst Du so viel gesagt hättest
Reif wie unsere abgekühlte Liebe, die
Du im letzten Augenblick noch rettest.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ANGESTECKT

Ein rotes Tier
Spielt neuerdings im Wald
Es färbt ab

Wie ein Gedanke
Der von Kopf zu Kopf
Sich fortpflanzt
Bis ein ganzes Volk
Einst im Frühling seines Schmerzes
Jetzt den Sommer verdirbt
Zum roten Herbst wird

Ein gelbes Tier
Wartet welk am Rand
Farbe in Hand. Bald dran.
Danach folgt das Graue.
Gefolgt, gedeckt vom stillen weißen Tod.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER HERBST REGT SICH

Herr Herbst
Wie ein Raubritter
Stehlt uns langsam das Sommergrün
Überlässt schleichend uns Laubglitzer
Wo bunte Strahlen kalt glühn
Auf Ästen nackt grau bitter
Und herb.

Morgendlicher Herbstregen
Wie ein graublaues Staubgitter
Herbst noch nicht ganz
Sommer nicht mehr, Urlaubzwitter
Zwischen Schlaf und Tanz
Das Gemüt gewöhnt sich, taub, zitternd
Wieder an Herrn Herbst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ABWECHSLUNG

Wir genießen die Sonne
Weil sie unter geht

Schön ist die tiefe Wonne
Die in mir entsteht

Denn Du bist mir gekommen
Mit allem, was Du bist

Hast strahlend hell geglommen
Erregter Amethyst

Geweckt das frohe Fließen
Gefrornes Morgentaus

Doch intensiv genießen
Halt ich nicht ewig aus

Des Sommers und des Winters
Bin ich beides gleich

Das Schließen des Fensters
Öffnet zum Innenreich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

UMBLÄTTERN

Hat ein Lächeln
Ein Verfalldatum?
Jeder Blume
Ist einst die Zeit um.

Wird der Herbst verschließen
Die Blume, die Sommer uns geliehen?
Oder wird der Spätling sie
Blatt um Blatt ausziehen?

Wie lange hält das Gedicht
Es aus in seinem Grab?
November wartet um die Ecke
Und er reißt allen die Masken ab.

Die Blumen winken und scheiden
Unserem Mond entziehen sich die Gezeiten
Nur das Lächeln, das wird bleiben
Als Erinnerung an alte Zeiten.

– Che Chidi Chukwumerije.

EINDRINGEN

1.

Der Pfeil flog und suchte das Herz des Schwans. Als er eindrang, klang es fast so sacht und dumpf, wie Schweigen. Und das war der Klang eines sterbenden Schwans. Keine letzte Melodie.

Weit unten, auf dem Boden, sah in diesem Augenblick eine Frau dieses Geschehen und ihr Herz sank. Das Schicksal, so schien es, hatte gesprochen. Der Schwan, den sie im Winter großgezogen hatte, dem sie im Frühling ihre Geschichte erzählt hatte, den sie nun im Sommer frei gelassen hatte, damit er über die Berge und Täler und über die Seen zu ihrem Geliebten fliege, um ihn zu unterrichten, daß sie hier gefangen war im Wald der tausend Gefühle, auf der Insel der Einsamkeit, damit er aufhören würde, zu trauern, Mut fassen und sich auf den Weg zu ihr machen würde, um bis zum Herbst sie zu erreichen, zu retten, zu nehmen, zu sich zu nehmen, und dann für immer zu haben… dieser Schwan wurde gerade hoch im Himmel, vor ihren Augen, von einem Pfeil, dessen Ursprung sie nicht kannte, nieder geschossen. Und der Pfeil, der die Liebesmission des Schwans beendet hat, er drang dabei in nicht nur ein Herz ein, nein, sondern in zwei.

Blutenden Herzens, nach dem sie den ersten Schock überstanden hatte, machte sie sich auf den Weg durch den Wald, an den Ort, zu dem der Schwan runter gefallen war.

 

2.

Er schoß gerne auf Schwäne. Und immer traf er. Immer stillte es seinen Durst nach Mehr, für einen Augenblick. Recht einsam war diese Insel. Auf seinem Kanu war er an einem sonnigen Sonntag her rüber gerudert und als er seinen Fuß auf das Ufer setzte, erwachte in ihm unerwartet aus der Tiefe seines Herzens die schmerzvolle Einsamkeit, die er darin begraben hat. Lange sah er auf den Wald der tausend Gefühle, dann mied er ihn schließlich und schritt statt dessen Richtung der Berge, wo er – Schießbogen und Pfeile in Hand – die Gipfel des Berges der Verzweiflung entschlossen erklomm.

Dann kam der Schwan in der Ferne vorbei geflogen; er schien, aus dem Wald zu steigen, und als er an Höhe gewonnen hatte und gerade dabei war, sich zu entfernen, drang gnadenlos genau der Pfeil in sein Herz ein. Regungslos sah der Mann zu, wie der Schwan erst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit im Licht der Sonne zur Erde zurück fiel. Dann machte er sich auf den Weg nach Unten, berg ab, um seine Trophäe zu nehmen, mit sich auf sein Kanu zurück zu nehmen, und anschließend zurück zu rudern aus dieser Insel, die in ihm seine Einsamkeit geweckt hat.

 

3.

Zwischen dem Wald der tausend Gefühle und dem Berge der Verzweiflung liegt das Tal der Reue, und dorthin fiel der tote Schwan. Fassungslos stand der Mann, erneut regungslos, in mitten der vielen Blumen, die hier blühten, und sah auf die Frau, die ein paar Meter vor ihm auf dem Boden kniete, den blutüberströmten, mit seinem Pfeil durchbohrten Schwan an ihre Brust drückte, und bitterlich, ebenso fassungslos, weinte.

Sie schaute hoch, sah ihn, seinen Bogen, seine Pfeile, sah ihn an und flüsterte:

„Warum…?“

„Weil ich gerne auf Schwäne schieße…“ flüsterte er, erstarrt, zurück.

„Aber warum?“ fragte sie, gebrochen, erneut. „Warum erschießt du nicht auch mich?… Denn dieser Schwan trug mein Herz, freiwillig, und wollte es zu einem anderen zurück bringen.“

Sein Hunger ungestillt, seine Seele einsam, der Mann blieb, blieb immer noch, regungslos. Bis plötzlich in ihm der Geist erwachte. Da zerbrach er auf einmal mit einer bitteren Wut seinen Schießbogen, fiel auf ein Knie und bat um Verzeihung, und bat darum, es irgendwie wieder gut zu machen.

Sie schaute ihm in seine wilden Augen und die waren voller Reue, Schmerz und brennenden Liebe, und sie wurde verwirrt. Denn der Pfeil, der durchdrang nicht nur ein Herz, und nicht nur zwei… wahrlich dieser verfluchte Pfeil war gleichzeitig in drei Herzen eingedrungen.

 

4.

Und weit weit weg, über Berge und Täler, über Seen, im Land des Wartens und Nimmervergessens, da schaute ihr Geliebter in diesem Augenblick zum Himmel hoch, auf die vorbeiziehenden Wolken, und suchte nach einem Zeichen von ihr, irgendwas, während sich in ihm plötzlich ein neuer, noch tieferer, Schmerz schnell breitmachte.

Denn seins war das vierte Herz, das an diesem Tag von diesem schicksalhaften Pfeil durchbohrt wurde.

 

 – CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.