ABGELENKT

Endlich haben wir die Möglichkeit
täglich, stündlich, sekündlich
unsere Gedanken mit allen zu teilen
– doch ich bin abgelenkt.

Seit Stunden scrolle ich hochundrunter
wie schnüffelnd ein Hund im Wald
auf der Suche nach – und weiß trotzdem
immer noch nicht – was Ihr denkt.

Mediensozialisierung
Sinnesüberflutung

Die Suche lenkt mich vom Suchen ab
Das Gefundene lenkt mich vom Finden ab
Eure Gedanken lenken mich vom Denken ab
– Aufmerksamkeit Euch geschenkt
– meine Lebenszeit verschenkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSOZIALE MEDIEN

Wir kaufen Ihre Vergangenheit
Dir ab,
nur die Schulden musst Du selbst zurückzahlen,
wenn Du einst desorientiert in die Welt blickst
und nicht mehr weißt, wer Du bist.

Die vielen Follower sind ein fragmentiertes Bild –
Je kleiner Deine Teile werden, desto mehr
werden Deine Teilhaber. Weiter teilen
und weiter vermehren, bis Du verschwindest –

Versehrt.
Verzehrt.
Verwirrt und verkehrt.
Hauptsache vermehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZWEI WELTEN

Ich sah keine Slay Queens
Traf auf keine Influencer
Gewann keine Follower
Fand auch keinen mit tausend Followern
Wurde von keinem Clickbait abgelenkt
Blieb rätselnd vor keinem Avatar stehen
Begegnete keinen viralen Memes oder
Überirdisch schön retuschierten Menschen
Wurde von keinen Trollen beschattet

Alle sahen sie irgendwie so normal aus
Ich brauchte keine Likes
als ich die Straße runterlief zum Lokalbahnhof
hier in dieser anderen, alten, ersten Welt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung