SPÄTLING DER VERINNERLICHUNG

Von manchen Reisen kehrt man nie zurück.
Es kommt jemand zurück, doch nicht der, der ging.
In Deinen Augen Trauer, Wunder oder Glück,
denn die Blätter sind gefallen. Es ist der Spätling.
Er ist herb, herber, Herbst.
Er entblößt, er macht kalt, er schmerzt.
Er befreit vom Gewicht der Masken und Erinnerung -
Tiefer als Erinnerung ist die Verinnerlichung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER FRÜHLING UND DER SPÄTLING

Der Frühling und der Spätling,
so wird ihnen oft berichtet,
sehen und fühlen sich ähnlich -
einer singt, was der andere dichtet.
Wo unterscheidet sich Gestalt vom Inhalt?
Der eine spiegelt, was der andere malt.
Das Herz bleibt gleich, ob jung oder alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPÄTLING

Spürst Du
Wie ich – auch –
Das langsame karg
Und immer kärger Werden
Unserer zweiten Haut?

Kaum finden die zitternden
Strahlen des Tagesmondes Raum
Sich auf einer bunten Baumkrone auszuruhn
Morgens, erfriert unser Lächeln wieder
Bevor es überhaupt auftaut.

Spürst Du
Wie ich – auch –
Wie Mutter sich zurück zieht
In die Arme ihres unsichtbaren
Liebhabers, folgsam und gehorsam?

Der Spätling ist
Jedes Jahr zäh und zart
Immer wieder hart und weich
Jedes Jahr bunt, wechselhaft und grau
Und immer immer seltsam.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung