Ich liebe Sprache - Sie kann so viel mit so wenig tun. Ich fürchte Sprache - Sie kann so viel mit so wenig vertun. Ich geize mit Sprache - Sie kann um so viel mit so wenig sich vertun. Ich hüte Sprache - Sie kann so Vielen mit so wenig alles antun. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Sprechen
DICHTEN
Ich liebe Sprache - Sie kann so viel mit so wenig belichten. Ich fürchte Sprache - Sie kann so viel mit so wenig vernichten. Ich achte Sprache - Sie kann so viel mit so wenig anrichten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
ICH SAGE NICHTS MEHR
Ich sage nichts mehr, sage ich und habe somit unendlich mehr gesagt als ich sagen sollte. Hätte ich lieber schweigen sollen, als ich gefragt wurde, was ich dazu sagen würde - Jede Äußerung ist eine schwere Bürde für jeden, der eine zu formulieren wagt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER LANGE WEG VON INNEN NACH AUSSEN
Wenn es Licht unendlich lang braucht, Dich zu erreichen von einem anderen Gestirn, wie lang braucht es, bis eine Empfindung als Gedanken auftaucht in Deinem Gehirn? Und wieviel länger noch, bis Du den feinen Gedanken dann in Worte fassen kannst und der Welt einen Hinweis darüber gibst, was Du tief in Deinem Herzen wortlos planst? Einen Hinweis aber nur, denn wieviel geht verloren auf dem langen Weg aus den tiefen Fernen des Geistes bis zum dichten Nebel des Verstandes, größer als die Distanz im All zwischen den Sternen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHREIENDE GEDANKEN
Der Lärm der Gedanken ist lauter –
Warum schreien sie so laut?
Wissen sie nicht,
Gedanken gehen uns tief unter die Haut?
Denken sie, daß keiner sie hört?
Wer weniger laut schreien will,
muß endlich was sagen –
Laß es äußerlich raus, werde innerlich still.
Denn der Lärm der Gedanken ist lauter
als alles Gerede der Welt
Und am Lautesten wenn die Menschheit
In gehorsames Schweigen fällt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KOMMUNIKATIONSBRUCHSTÜCKE
Wir schwiegen so lang
Das Schweigen wurde zum Gespräch
Zu unserem längsten intimsten Gespräch
Und wir sprechen immer noch
Das Sprechen wurde uns nun zum Hang
Um Mißverständnisse zu vermeiden
Da wir uns so gut verstehen und leiden
Vertiefen wir unser Gespräch
Unser prägnantes vertrautes Gespräch
Keine Kommunikationslücke erlauben
Keine Kommunikationsbrüche
Keine Kommunikationsbrücke
Kleine Kommunikationskunststücke
Des Schweigens und des Verweigerns
Aus Angst, erneut zu scheitern.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
AUS SPRACHE WIRD LEBEN
Die Schönheit der Sprache
Ein in Worten unfassbarer Lichtblick
Aus einem Augenpaar ausgeschickt
Wie der erster Tag hell und schön ausbrach
Einst beim Es Werde Licht
Und es ward eine schöne Sprache
Denn Gott war in seinem Wort am Anfange
Schmetterlingsfarben entfalten Klang
Und Freude und noch mehr Freude danach
Nach dem Es Werde Sicht
Denn wir sprechen mit Augen
Und sehen mit Worten der Sprache
Die Schönheit bei gütigem Lachen
Wozu gute Worte wirklich taugen
Nämlich: Es Werde Gedicht.
Und die Schönheit der Sprache
Liegt im Nebenklang und im Nachhall
Und in den Pausen neben leerem Schall
In Verantwortung, weil Worte machen.
Und Es Werde Gericht.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
DICH WIEDERGEBEN
Eine Sprache ist nicht einfach eine Sprache
Eine Sprache ergibt sich nicht aus den Worten einer Sprache
Sondern die Worte ergeben sich aus der Sprache –
Eine Sprache ist eine Art zu sprechen
Eine Art zu sprechen ergibt sich aus einer Art zu denken
Eine Art zu denken ergibt sich aus einer Art wahrzunehmen
Eine Art wahrzunehmen ergibt sich aus einer Art zu empfinden
Eine Art zu empfinden ergibt sich aus einer Art zu leben
Eine Sprache ist also eine Art zu leben.
Dein Leben entspricht Dir…
Es spricht sich herum…
Keine zwei Menschen sprechen die genau selbe Sprache
Deine Sprache ist Deine Mutter, sie ergibt Dich…
Meine Sprache gibt mich wieder
Meine Aussprache bin ich –
– che chidi chukwumerije.
ERTRAG
Ein gesprochenes Wort
Soll wie eine reife Frucht sein
Die fallen muß –
Ansonsten
Halte es noch eine Weile zurück
Und warte, wie es Bäume tun.
Durch Sturm und Wind
Zu Boden gerissenen, unreifen Früchten
Trauern wir immer nach
Selten
Geben sie auch einen Samen frei
Der keimen wird. Keimen kann.
Schwer wiegen
Leicht wiegen
Gesagt ist gesagt.
Schweigen ertragen
Alles Saat hat seine gute Zeit
Zum Ertragbringen.
Ohne Winter
Kein Frühling, kein Sommer
Ohne harren, kein Herbst.
– Che Chidi Chukwumerije.
