MORGEN GIBT ES HOFFNUNG

Viele sind die Gründe und
alle berechtigt zum Boden sein
dem Grab Deiner Lebenslust
doch ist das ein Loch ohne Boden
Du wirst nie aufhören, zu fallen
nie die Befriedigung erleben des
harten Anpralles. Was könnte schlimmer
sein, als Dich auf Erden umzubringen,
nur um zu spät zu erfahren, daß
Du im Jenseits weiterlebst und weiter leidest?
Hier ist Deine Wende
Du brauchst Dich nicht töten – die
Nacht erledigt Dir das jeden Abend,
damit Du morgen einen neuen Versuch
wagen kannst, zu leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LÜCKENFÜLLER

Der Himmel ist nur dann blau
Wenn ich nach oben schaue
Normalerweise ist er grausam
Keine Anteilnahme

Was ist anspruchsvoller in der Zeit:
Die Endlichkeit oder die Unendlichkeit?
Unendliche Zeit ist schwierig
Jeder Tag ist eine Herausforderung
Kein Müßiggang

Jeden Tag überrascht uns irgendetwas
Das Unerwartete erwarten wir ja immer
Dennoch überrascht es uns – und eines Tages
Wir es der Tod sein.
Und eines Tages wird es der Tod sein.

Wiedergeburt. Neugeburt.
Brücke ist nur dann Brücke
Wenn ich mich überbrücken lasse
Beglücken lasse von der Kehrseite
Des unerwarteten Regenschauers
Sonst ist sie bloß eine Lücke

Dann bist Du der Lückenfüller
Und merkst es nicht, bis die Lücke wieder
Verschwunden ist und Du stürzt zu Boden
Augen nach unten gerichtet, anstatt nach oben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LASS DICH NICHT BRECHEN

Wie erkennt man Bullies?
Das sind die, die sich zusammen tun
Um den vermeintlich Schwächeren
Weh zu tun –

Wie erkennt man die Schwachen?
Das sind die, die unter Druck stehen
Wenn sie einem Fremden begegnen
Dessen Stärke sie nicht verstehen –

Wie erkennt man die Kleinen?
Das sind die, die überheblich
Sich über andere zu erheben versuchen
Vergeblich –

Wie erkennt man die Verunsicherten?
Mal sind sie nett, mal stehen sie Dir
Feindlich gegenüber, unsicher über den besten
Zugang zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 12: GESCHENK DER BERGE:

Fast durchgängig waren die Berge unsichtbar, in Nebenschleier verhüllt, so daß man wusste, sich daran erinnerte, daß sie da waren, da sind, aber sie nicht mehr sehen, greifen, zum teil nicht mehr begreifen konnte; ein bisschen vergaß man auch, wie sie genau aussehen. Und ich dachte zu mir, daß das wie Gedanken, wie Träume, wie Ideale sind, an die man glaubt, zu denen man aber immer wieder die Verbindung verliert. Und doch weiß man, ich glaube an etwas, etwas Urtiefes und Unerschütterliches, selbst wenn ich in diesem Augenblick nicht mehr richtig weiß, was es ist. In diesem Augenblick, in dem meine Sinne vom Rausch des Genusses benebelt sind, meine Ein- und Übersicht von der Binde tausend übernommener Fremdgedanken zugemauert sind, meine innere Ruhe vom Tosen entflammter Hänge und Schwächen zerrissen ist, meine Entschlusskraft von Angst vor Versagen gelähmt ist; genau in diesem Augenblick redet meine innere Stimme zu mir, erinnert mich daran, daß ich an etwas glaube, was größer ist, als alle diese Ketten und außerhalb des Geltungs- und Wirkungsbereiches deren Grenzen felsenfest steht. Und das genügt. Selbst wenn ich die Orientierungsberge meines Innenlebens nicht sehe, reicht bereits das Wissen von deren Vorhandensein als zwischenzeitlicher Halt… bis die Sonne die Bahn der Nebel wieder löst. Morgen fahren wir nach Frankfurt wieder zurück. So wenig Sonne, so viel Regen, Nebel und Kälte habe ich Ende Mai hier in den Bergen nie erlebt. Und doch hat genau dieses Erlebnis mich mit der Erkenntnis bewaffnet, die ich in den kommenden Wochen und Monaten der inneren Benebelung immer wieder brauchen werde.

– Che Chidi Chukwumerije.