GROSSE BÄUME

Kleine Tiere
pinkeln an große Bäume
Aber große Bäume
pinkeln nicht zurück.

Sie bleiben groß und stark,
anderen Reisenden Geschenke anbietend,
flüsternd: Pflück, pflück…

Große Bäume machen sich nicht klein
Sie wachsen täglich ein Stück -

Keiner kann mir wegnehmen mein Glück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCH UND SCHWARZ

Ich bin ein Mensch
Ich brauche keinen anderen Menschen
Der es mir erst zugestehen muß
Bevor ich es verkörpere und auslebe
Ich bin ein Mensch

Anfeindungen wegen meiner schwarzen Hautfarbe
Beweisen nur, daß die Anfeindenden
Krank sind und verbogen
Und Angst vor der eigenen inneren Kleinhieit haben
Sie brauchen jemanden zum Unterdrücken

Nicht mich.
Du kannst mich körperlich töten
Körperlich brechen, finanziell schwächen
Meinen Ruf heimtückisch schaden
Doch Du bleibst ein Narr und ich ein Star

Und immerdar.
Ich bin ein Mensch.
Selbstverständlich. Ungebrochen. Unbeugsam.
Vergiss es. Ich werde Dich besiegen.
Ich bin ein Mensch.

Che Chidi Chukwumerije
30.07.2020 (22:35h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEIL WIR SCHWACH SIND

Unsere Stärken
Sind die Lücken
Zwischen
Unseren Schwächen

Unsere Lügen
Sind unsere Wahrheit
Die Flügel
Unserer Freiheit

Unsere Fehler
Sind unsere Geschichten
Sie ringen nach Auflösung
Und schreiben gemeinsam Geschichte

Bist sie selbst Geschichte sind
Oder wir
Im Zusammenhang
Mit jedem Hang –
Als Anhang, wir.

Unsere Schwächen sind
Unsere Stärken blind
Wir sind stark
Wenn wir schwach sind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

UNSTET

Wenn keiner zuschaut
Bin ich schwach
Hab Fremdes geklaut
Hab Keusches versaut
Der Stimme vertraut:
Mach einfach!

Wenn keiner zuschaut
Bin stark und wach
Verteidigt fremde Haut
Geteilt mein letztes Kraut
Brücken gebaut
Nach der Stimme laut:
Mach einfach!

Was bin ich? Menschlich?
Wann werd ich menschlich?
Was bedeutet das – unanständig und anständig?
Was bedeutet das – geistig?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

GEDULD

Was teilst Du gerne
Mit den Mitmenschen?
Deine Stärken
Oder Deine Schwächen?

Ich glaube, die Schwachen
Teilen gerne ihre Stärken
Die Starken
Teilen gerne ihre Schwächen

Was gibt es zu lernen
Von unseren Mitmenschen?
Wie wir Masken
Auf- und absetzen

Und zu lernen,
Die Stärken der Schwächen
Und die Schwächen der Stärken
Nie zu unterschätzen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

UNVOLLENDET, MANN

Stark sein müssen
Ist des Mannes Fluch
Wer verzeiht denn dem schwachen Mann,
Der scheitert trotz mehrmaligem Versuch?

Sein Stolz tötet ihn doppelt
Und als wäre das nicht genug
Die Erwartungen der Gesellschaft
Schleppt er mit im Zug

Ich halte hier inne –
In seiner Dunkelkammer drinne
Sieht er alles Negative in einem anderen Sinne…

Aber er kann es keinem erklären
Ohne wie ein Bettler zu erscheinen
Er ist ein Mann, er muß weiter laufen
Und sterben auf seinen zwei Beinen.

– Che Chidi Chukwumerije

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

Ich konnte das nicht verstehen. Ich war 14 und er war 38. Na und? Aber ihm schien das ein bedeutender Unterschied zu sein. Seine Kräfte ließen immer früh nach und ab Mitte der zweiten Runde konnte ich mit ihm machen, was ich wollte. Kopf, Brust, Bauch – meine Füße trafen ihn spielerisch. Er seinerseits traf, wenn er traf, mich niemals an den Kopf; so hoch gingen seine Beine nicht mehr. „Wart ab, bis auch Du mal fast 40 bist, dann wirst Du am eigenen Körper erleben, dass es nicht mehr so leicht ist.“ Jedes mal widersprach ich ihm. „Es ist alles in Deinem Kopf, 40 ist nichts, Du bist nur faul.“ Er schaute mich gütig an und lächelte. Insgeheim brannte ich danach, sofort 38 zu sein, um ihm und den anderen älteren meine „It’s all in your mind“ Theorie zu beweisen. Mit den anderen älteren kämpfte ich sowieso schon längst nicht mehr gerne. An den Tagen, wo keine anderen jungen Kämpfer beim Taekwondo Training waren, mied ich all jene älteren Schwarzgürtler, die ich aus Respektgründen nicht mit voller Kraft treffen konnte, durfte oder wollte, und das waren fast alle. Er dagegen kam irgendwo aus Europa und schmiss Respekt aus dem Fenster, forderte mich heraus, Vollgas zu geben. Das tat ich auch einigermaßen, so lange er mit halten konnte oder wollte – dann war’s mit ihm auch vorbei. Ich war mir mit 14 ganz sicher – mit dem Alter werden die Menschen geistig träge, die Selbstdisziplin lässt nach, mit ihr die Ehrgeiz. Niemals könnte es am Körper liegen. Jetzt bin ich 39 und muß amüsiert öfters an diese Episode zurück denken, immer wenn ich vom Thai Boxing Training im Challenge Club um die Ecke müde und schmerztrunken nach Hause laufe. Die jüngeren unter den Monstern im Club sind zwar keine 14, aber fast alle unter 25, und die hauen wie Blitz und Donner. Ich gebe mir wirklich Mühe aber spätestens in der dritten Runde können sie mit mir machen, was sie wollen. Ich glaube, ich bin faul geworden. 🙂

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Tagebuch 14: ÜBERALL