SEHNSUCHT NACH ANKUNFT

Wie noch nicht bis zu Ende durchdachten Gedanken
stürmten wir bis ans Ende der Welt
fanden dort und an jedem dazwischen liegenden Ort
keinen Sammelpunkt unserer Würde,
wurden zu Würdeträgern ohne Tragenden oder Tragbaren
oder Getragenen.
Jetzt ertragen uns fremde Heimatschützer und wir sie,
wir vertragen uns gegenseitig gerade noch
mit Mühe und lästiger Würde.

Schnell erkannten wir den Betrug unserer Gedanken
die uns hinaus trugen aber nicht hinein –
das ist die Art von unfertigen Gedanken
sie sammeln ihre Punkte unterwegs und lassen sich verändern
getragen von dem Wunsch nach Erfüllung.
Da sind wir also, Wunsch- und Wundenträger
ohne Linderung durch unsere verstreuten Kinder
die unseren zerstreuten Gedanken nicht folgen können
sie aber irgendwie vollenden müssen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER FINDENDE SUCHENDE

Nur der findet, der sucht.

Wer dagegen aufgehört hat, bewusst oder unbewusst zu suchen, der findet nur das leicht Findbare, mehr nicht. Das allerdings, was nur der Strahl der Sehnsucht des Suchenden sichtbar machen kann, bleibt ihm verschlossen.

Deshalb bezeichne ich mich gerne lieber als Suchenden, egal wie viel ich täglich finde; als Lernenden, egal wie viel ich bereits zu wissen meine. Denn dadurch bin ich immer am sonst Unfindbaren Finden. Und egal wie groß das ist, was ich heute finde, morgen wartet was Größeres auf den sehnenden Strahl des Suchenden.

Der Suchende ist offen, der Findende ist geschlossen. Der Findende nimmt; der Suchende empfängt. Beides ist gut, glaube ich, je nach Situation. Doch die Grundlage des Findens, des Findens des Außergewöhnlichen, bleibt ewig das innig sehnende Suchen. Und die Grundlage dieses Suchens ist umgekehrt das Finden. Vor allem das Finden, des Herausfinden, das Entdecken, das Empfangen der Tatsache, daß der Mensch nichts weiß. Je mehr man findet, desto mehr findet man, daß es immer mehr gibt, zu finden.

Das noch nicht Gefundene ist immer mehr als das bereits Gefundene. Diese Erkenntnis ist die Geburtsstunde des wahren Suchers – des Suchenden. Diese Erkenntnis ist der Anfang des Erahnens Dessen, Was GOTT ist. Das Ewig-Unendliche. Das Ewig-Unausschöpfbare. Das Ewig-Unveränderliche. Das Ewig-Unerreichbare. Das Ewig-Ist-Seiende. Das, die Verbindung zu dem die ewige Sehnsucht des Suchenden ist.

Und wer ernsthaft sucht, der findet andauernd.

Che Chidi Chukwumerije

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

DENN DU BIST NICHT ALLEIN AUF DEINER REISE

Weltenwanderer, Mensch
Getrieben durch sich selbst
Aus sich selbst heraus
Bis unter die Haut –

Ruhelos, ewiger Sucher
Seiner eigenen Seele treuester Besucher
Der Mensch bereist die Welt
Auf der Suche nach sich selbst

Das, was er am meisten braucht
Einen Begleiter, der mit ihm nach Vorne schaut
Der mit ihm die Reise teilt
Seine Sorgen kennt, seine Wunden heilt

Bis er irgendwann sein Ziel erreicht
Und Abschied nehmend wehmütig begreift
Die Reise selbst war ein Weilen
am magischen Ort,
Der nun scheidende Begleiter
ein Freund treuester Sorte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.