SONNENSTRAHL

Was machst Du gerade?
Ich greife nach Dir wie nach Sonnenstrahlen,
mit eben gleichem Erfolg –
denn genau wie sie bist Du da,
ich kann Dich spüren
aber nicht berühren und nicht mehr fassen –
Mein Verstand kann nach all den Jahren
es immer noch nicht erfassen –
Lieben und lassen,
lieben lassen ist gehen lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA, WO DAS LACHEN BEGINNT UND STIRBT

Ich habe schon viele Menschen getötet.
Nicht körperlich.
Da, wo es weh tut, wo es wütet,
Wo die Wunde still ist und unerreichbar,
Do, wo der Schmerz unüberwindbar ist
oder zu sein scheint.
Seelisch.

Ich habe schon viele Menschen wiederbelebt.
Nicht physisch.
Da, wo das Leben beginnt, innerlich,
Beginnt als Selbstvertrauen, als Lust,
als Sehnsucht, Freude, Hoffnung, als Drang.
Geistig.

Mögen meine guten Taten meine bösen ausgleichen.

Ich wurde schon von vielen Menschen getötet
Ich wurde schon von vielen Menschen wiederbelebt
Nicht irdisch
Da, wo Menschen sich treffen,
wenn Menschen sich treffen,
im tiefsten Inneren.
Und äußerlich hat keiner was gemerkt.
Außer am Lachen und an seinem Fehlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG DES ABSCHIEDS

Es gibt diesen einen Tag
Es ist nicht der Todestag
Es ist nicht der Gedenktag
Es gibt diesen einen Tag

Er kommt unangekündigt
Plötzlich, wie aus dem nichts
Unterscheidet sich mit nichts
von allen anderen Tagen davor

Außer in einem: Es ist der Tag,
an dem Du einen Menschen los läßt,
der viele Jahre davor gestorben ist;
einen Dir wichtigen Menschen.

Die Sonne steigt, der Regen fällt,
Er taucht plötzlich auf in Deiner Innenwelt
Und während Du ihn anschaust, spürst Du,
wie der letzte Stein von Deinem Herzen fällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDS

Ich brauche es
abends
in die Leere meiner Seele
lange zu blicken

und dann
nach einer Ewigkeit des Wartens
zu sehen, wie mein Geist von tief drinnen
Bilder an mich zurück schickt

Alles, woran
ich heute flüchtig dachte
ohne zu merken, daß ich daran dachte
es kommt alles zurück

Flüchtlingskinder, die
vergeblich auf ihre Eltern warten…
Ob meine Kinder – und womit –
geimpft werden

Ab wann Ausländer – egal wo –
Wahlrecht haben dürfen…
Und wo ist mein Bruder heute, der
vor sechsundzwanzig Jahren starb?

Dann ist der Abend vorbei
und ich steige aus meiner Seele
wieder heraus
und das war mein Tag heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE TRENNUNG

Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.

Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.

Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er

die trennende Bewegung – und den Abschied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE

und wird selbst nochmal fortgesetzt…

WENN EINER STIRBT

Ich denke an Dich
Und weiß nicht, wo Du bist
Wie kann das sein?
Einst der wichtigste Mensch in meinem Leben
Einst der engste Verbündete in meinem Streben
Wir haben uns gegenseitig
Alles gegeben und alles vergeben
Doch lag es irgendwo in unserem Weben
Daß wir so früh getrennt sein sollten
Ich bin hier geblieben
Du bist abgeschieden und bist jetzt irgendwo
In der großen weiten Schöpfung
Und ich weiß nicht wo
Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBEN OHNE LEBEN

Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
gelassen.

Wie soll ich die Jahre
der Leere füllen
bis ich endlich hinüberfahre
ins Jenseits des Todes?

Tausendjahrelange Tage
sind ohne tausend Empfindungen
pro Sekunde nicht in der Lage
erfüllt zu werden.

Drum. Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
und arbeitslos gelassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IM GUTEN ABSCHIED NEHMEN

Hast Du heute morgen
Deinen Geliebten in die Augen geschaut?
Hast Du es zur Verzeihung
Und zum Liebe-tauschen Dir getraut?
Hast Du die Mauern, die gestriger
Streit errichtet hat, heute abgebaut?

Heute morgen könnte
Die letzte Gelegenheit gewesen sein.
Schneller und plötzlicher als
Du denkst, steht einer von Euch ganz allein.

Che Chidi Chukwumerije (27.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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