EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SONNENSTRAHL

Was machst Du gerade?
Ich greife nach Dir wie nach Sonnenstrahlen,
mit eben gleichem Erfolg –
denn genau wie sie bist Du da,
ich kann Dich spüren
aber nicht berühren und nicht mehr fassen –
Mein Verstand kann nach all den Jahren
es immer noch nicht erfassen –
Lieben und lassen,
lieben lassen ist gehen lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMGANG MIT DISTANZ

Ich bin nicht gut mit Abschieden.
Allzu häufig waren sie mit keinem Wiedersehen mehr verbunden.
Vorsätze, die sich nicht reimen.

Sag mir nicht Auf Wiedersehen.
Sag Gute Fahrt, Lebe wohl,
Oder sage gar nichts –
Ein schweigender Blick ist das stärkste Symbol.

Behalte mich in Deinem Herzen
Und ich werde da sein,
Klar sein, nah sein,
Wie Runen gemeißelt in Stein.

Ich brauche diese philosophischen Worte,
Um der Trennung zu widerstehen
Und vorzugeben, ich zähle nicht die Tage,
Bis wir uns wieder sehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE TRENNUNG

Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.

Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.

Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er

die trennende Bewegung – und den Abschied.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE

und wird selbst nochmal fortgesetzt…

STATIONEN DER SELBSTFINDUNG

Wann ist eine Beziehung zu Ende?
Am Anfang, als wir zusammen kamen
Ohne zu verstehen, daß wir uns nicht verstehen?

In der Mitte, als wir weitermachten
In der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein?

Am Ende, als wir uns trennten
Weil wir beide schließlich die Wahrheit erkannten?

Oder Jahre später, als wir endlich
Echte Freunde wurden?
Wann ist eine Liebesbeziehung zu Ende?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABLENKENDE MAUERN

Menschen wie Mauer
Schwer zu überwinden
Ihre Freude, Ihre Trauer
Wie Farben den Blinden
Wir suchen und wir finden
Nichts zum Verbinden
Auf die Dauer.

Womöglich sind die Mauern
Gar keine Mauern
Womöglich sind die Masken
Gar keine Masken.
Womöglich ist unser Leben
Gar kein Leben
Nur eine Ablenkung vom Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBEN OHNE GELIEBT ZU WERDEN

Nachdem sie ihn tötete, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu verlieben
– Um so tiefer liebt er nun

Nachdem sie ihn begrub, verlor er
Die Fähigkeit, zu schlafen
– Um so klarer, träumt er nun

Nachdem sie ihn verriet, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu schützen
– Um so mehr beschützt er andere nun

Ihr Leben war sein Tod
Sein Tod seine Wiedergeburt
Ihre Liebe war sein fünftes Gebot
Sein Gedankenfluss ohne Furt
Unüberquerbar auf dem Weg zu ihr
Und auf dem Weiterweg weg von ihr.

– Che Chidi Chukwumerije, 04.01.2020
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREI WERDEN

Täglich begoß er sie
Mit seiner Sehnsucht nach Befreiung
Pflegte sie und hegte und schnitt
Und blieb zart mit ihr, denn sie
War eine Blume. Und blieb distanziert
Leicht von ihr, denn sie war seine
Vergangenheit. Und

Sie schluckte frustriert seinen Erguss runter
Denn nicht zart begoßen sein wollte sie
Sondern genähert und zermalmt
Bis sie verschwände. Und so verschwand
Sie nach und nach, wachsend an seinem
Erguß und vergaß seinen Würgekuss
Und wurde groß und stark. Und

Als sie reif genug geworden war
Pflanzte er sie still ins Freie um
Und machte endlich Schluß.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung