Es ist vorbei - Warte nicht darauf, daß er anrufen wird. Es wird keine Nachricht kommen, die das Herz berührt. Sehne die Vergangenheit nicht herbei - Sie ist in der Gegenwart nicht willkommen. Nichts ist merkwürdiger als Veränderung, in ihrer Unumkehrbarkeit vollkommen. Die Wege haben sich getrennt, die Vorhänge sind zu gefallen - Du siehst keine Statusmeldungen mehr; die würden Dir auch nicht gefallen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
trennung
KLEINE TRENNUNGEN
„Vater, Du brauchst zu lang - Kann ich wieder alleine hin?“ Ich spüre seinen Freiheitsdrang. Er muss zum Hort Ich zur S-Bahn und zur Arbeit Für jeden Menschen ein anderer Ort „Wir müssen in die selbe Richtung. Lasst uns doch zusammen bis zur zweiten Kreuzung.“ Wir laufen los Er marschiert zielstrebig nach vorne, beachtet mich nicht groß. Für diese Strecke auf jeden Fall braucht er mich nicht mehr, auf einmal. So reisen wir ein Stück miteinander, Vater und Sohn, dann gehen unsere Wege auseinander. Ich bleibe stehen, sehe ihn selbstbewusst weiter laufen und dann um die Ecke gehen. Kleine Wendungen können genau so tief bewegen wie große Trennungen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZERBRECHEN
Wenn alles am Zerbrechen ist
wie eine Wolke, die Du nicht fassen kannst,
nur zergehen lassen kannst –
Du spürst, Du empfindest, Du ahnst.
Ahnen ist alles, was Du fassen kannst.
Ob Du Dich fallen lassen kannst?
Die neuen Generationen sind geboren
und genau so verloren –
Hauptsache sie lügen mit anderen Worten.
Du spürst etwas, was Du nicht fassen kannst.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINSAMKEIT
Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind
Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind
Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SONNENSTRAHL
Was machst Du gerade?
Ich greife nach Dir wie nach Sonnenstrahlen,
mit eben gleichem Erfolg –
denn genau wie sie bist Du da,
ich kann Dich spüren
aber nicht berühren und nicht mehr fassen –
Mein Verstand kann nach all den Jahren
es immer noch nicht erfassen –
Lieben und lassen,
lieben lassen ist gehen lassen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UMGANG MIT DISTANZ
Ich bin nicht gut mit Abschieden.
Allzu häufig waren sie mit keinem Wiedersehen mehr verbunden.
Vorsätze, die sich nicht reimen.
Sag mir nicht Auf Wiedersehen.
Sag Gute Fahrt, Lebe wohl,
Oder sage gar nichts –
Ein schweigender Blick ist das stärkste Symbol.
Behalte mich in Deinem Herzen
Und ich werde da sein,
Klar sein, nah sein,
Wie Runen gemeißelt in Stein.
Ich brauche diese philosophischen Worte,
Um der Trennung zu widerstehen
Und vorzugeben, ich zähle nicht die Tage,
Bis wir uns wieder sehen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE UNSICHTBARE TRENNUNG
Nachdem der Tod sie getrennt hatte
blieben sie lange noch innerlich
in der Nähe von einander
denn der Leben ist stärker als der Tod –
und zwar das Innenleben des Geistes.
Jedoch spürten sie langsam, daß es
allmählich Zeit wurde, sich wirklich von
einander zu trennen. Und zwölf Jahre
nach dem Unfalltod seines Bruders, erlitt
er zum zweiten Mal den Trennungsschmerz.
Er weinte bitterlich und wusste nicht warum
denn der Verstand versteht wenig von dem
was in der Seele vorgeht. Als er seinen
Bruder fort dachte, war er die ganze Zeit da.
Doch als der tatsächlich sich löste, spürte er
die trennende Bewegung – und den Abschied.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Dieses Gedicht ist die Fortsetzung des Gedichts „GEFÜHLE“
und wird selbst nochmal fortgesetzt…
SEHNLICH
Wie sehnte ich mich nach Dir
als sehnte ich mich nach mir
und als Du verschwunden bliebst,
starb mit Dir der Mensch, der ich war.
Jetzt schaue ich jeden Morgen
aus dem Fenster nervös in die Ferne
und bete inbrünstig, sehnlich, daß
Du nie wieder auftauchst.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
STATIONEN DER SELBSTFINDUNG
Wann ist eine Beziehung zu Ende?
Am Anfang, als wir zusammen kamen
Ohne zu verstehen, daß wir uns nicht verstehen?
In der Mitte, als wir weitermachten
In der Annahme, auf dem richtigen Weg zu sein?
Am Ende, als wir uns trennten
Weil wir beide schließlich die Wahrheit erkannten?
Oder Jahre später, als wir endlich
Echte Freunde wurden?
Wann ist eine Liebesbeziehung zu Ende?
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNVERMEIDBARE SCHMERZEN
In einander gehen
Oder sich voneinander trennen
So oder so
Es wird schmerzen
Zur Integration
Müssen alle Ja sagen
Zur Separation
Kann einer die Entscheidung tragen
So oder so
Es kommt von Herzen
Gewinne und Verluste
Es wird schmerzen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
