VIELFALT DER MENSCHHEIT

Wir sind so verschieden –
Fünf Hautfarben genügen nicht,
um Vielfalt zu wiedergeben.

Ein Regenbogen reicht nicht aus,
um unsere Lichter zu widerspiegeln,
wenn wir uns der Sonne öffnen.

Wir sind aus verschiedenen Empfindungen geboren,
aus unterschiedlichen Gedanken gekleidet
und verkörpern jeder ein einzigartiges Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEERE WIRD NICHT VOLLER DURCH NÄHE

Je mehr ich von der Welt sehe,
desto weniger sehe ich von ihr.
Flugzeuge transportieren nicht nur unsre Sehnsüchte,
sondern auch unsere Ichsucht und Leere;
Das Internet zeigt uns nicht nur, was uns verbindet,
sondern so oft, was uns entfremdet und trennt;
Und bringt uns enger zusammen,
damit jeder im anderen die Einsamkeit erkennt,
unter der auch er leidet und brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFALT UND EINHEIT

Trennwand
trenn Dich von der Trendwand.
– laß das linke ins rechte
und das rechte ins linke Herz blicken.
– laß das männliche ins weibliche und
das Weibliche ins Männliche hineingucken.
– laß das junge ins alte,
das alte ins junge Gemüt Einsicht erhalten.
– laß das fremde ins fremde, laß das
menschliche im menschlichen sich einschalten.
Trennwand,
trenn Dich von der Trendwand –
… befreie uns von dem Trendwahn.
Es gibt stets mehr Optionen, als ich ahn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch 14: ÜBERALL

Der Straßenmusiker an der Ecke mit Rücken zur Deutschen Bank Filiale. Er sieht aus wie ein Südamerikaner, korrigierte mich aber, als ich meine Vermutung aussprach. Er komme aus Ungarn. Er spielt eigentlich ganz schlecht, hat offensichtlich nicht mehr als fünf Lieder in seinem Repertoire. Dafür singt er mit großer Inbrunst und hat ein freundliches, hoffnungsvolles Lächeln für jeden Passanten. Vor Kurzem, nach Beendigung seines zweiten Liedes, machte er eine Grimasse und ballte seine Finger mehrmals in Fäuste und sagte mir mit sorgenvoller Stimme, seit einiger Zeit tuen ihm die Hände weh, er wisse nicht warum. Selbst im Winter habe er noch stundenlang ohne Schmerzen spielen können. Der menschliche Körper ist manchmal so, war meine Antwort, hält durch schwierige Zeiten eisern durch, und fängt dann an zu meckern, wenn es ihm eigentlich gut geht. Als Ausgleich, so zu sagen. Er schaute mich nicht ganz überzeugt an. Meinen Sie?, fragte er. Könnte sein, sagte ich. Es gibt Tage, an denen ich vorbei laufe ohne zu stoppen, nicke ihm aber immer zu; dann gibt’s Tage, wo ich mir sein fünf Lieder Repertoire anhöre. Obwohl er kein guter Gitarrist ist, ist er ein guter Performer. Ich ziehe immer seelenbereichert weiter, lasse ihn fünfzig Cent reicher zurück. Die Welt hat sich gut in religiöse, kulturelle, idealistische, sexuelle, geopolitische und rassistische Gruppierungen geteilt. Doch überall wird weiterhin eines alles nüchtern einigen, nämlich das, was wir täglich in jeder Gesellschaft, unter allen Gruppierungen, immer gesehen haben, immer sehen werden: überall gibt’s reich und überall gibt’s arm. Und überall gibt es Menschheit.

– Che Chidi Chukwumerije.