MEIN GROSSVATER

Er nannte ihn den Hitlerkrieg.
Der Ausdruck 2. Weltkrieg
Wurde erst später populärer,
Nach der Allierten Sieg.

Davon war er ein Teil,
Ein Schwarzer Kolonialsoldat
Aus britischem Nigeria –
Danach erfuhren sie den Verrat:

Tilgung aus den Geschichtsbüchern.
Alle Seiten wechselten Seiten –
Freund in guten Zeiten ist nicht
Immer Freund in schlechten Zeiten.

Wiederdaheim wurde er Polizist,
Lehrte seine Kinder 3 Dinge lieben:
Einander, die Bildung und Gerechtigkeit –
Der Schlüssel, hat er gelernt, zum Siegen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN VATER

Er nannte seinen ersten Sohn Che,
Glaubte an Marx und Sozialismus,
Verehrte aus der Ferne die DDR,
Und verpönte den Kapitalismus.

Doch die Welt würde sich verändern,
Kameraden wandten sich ab vom Kommunismus,
Che starb und Jahrzehnte später die DDR,
Geblieben ist nur der Kapitalismus.

Er sah die Globalisierung Platz nehmen,
Als Konservativ auch den Liberalismus,
Als Christ den Anstieg der Glaubenskriege,
Und die Rückkehr von Rassismus und Faschismus.

Sein geliebter Panafrikanismus fruchtete nicht
Zeitlebens; und Biafra blieb mißverstanden,
Als er im Kreis seiner Kinder nachdenklich starb,
Gottvertrauend, von vielen Menschen unverstanden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VÄTER WERDEN VON VÄTERN ERZOGEN

Väter werden von Vätern erzogen.
Ganz bewusst habe ich nicht gesagt:
Söhne werden von Vätern erzogen –
Das geschieht sowieso ungesagt.

Als ich Vater wurde war er schon in mir
Längst vorbereitet von meinem vor mir –
Wer Tugenden und Werte weiter pflanzt,
Hat die Kultur der Weiterpflanzung weitergepflanzt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WERDEN IHRE EIGENEN ERINNERUNGEN HABEN

Sie werden ihre eigenen
Erinnerungen haben.
Meine Kinder sind Kinder ihrer Zeit,
Ich war nur die Brücke
Wie mein Vater seinerzeit
Oben auf der Brücke stand und winkte
Und ich winkte zurück und ich ging weiter

Wie mein Vater durch meine,
Sehe ich heute durch ihre Augen Dinge
Die ich als Kind niemals sah
In einer anderen, verschwundenen, Welt
Und wie er denke auch ich nach und
Frage mich: Was geschieht tatsächlich
Innerlich in meinen wachsenden Kindern?

Nach dem ich weg bin
Und wieder weiter gezogen
Was werden ihre Erinnerungen sein?
Erinnerungen an die Kindheit,
Hort zartester Empfindungen, Nostalgie
Schmerz und Freude, Kraft und Hoffnung
Und Geheimnisse und ungelösten Fragen.

Und ich werde da sein
In ihren Erinnerungen,
Ihre liebe Mutter auch und eine Zeit
Und eine Welt, die es so nur dort gibt
In ihren Erinnerungen, teils Märchen,
Teils wirklicher, stärker und lebendiger als
Alles, was ihre Zukunft bringen wird.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EINFACHE WUNDER

Von der anderen Seite kam sie
Blindenstock hin und her den Boden fegend
Eine alte Dame, verunsichert wirkend –
War sie neu in dieser Gegend?

Er stürmte an mir vorbei
Auf Grün hat er nicht gewartet
Schnell war er an ihrer Seite –
Hat sie ihn erwartet?

Die Nacht wich dem Tag
Die Wolken zerstreute die Sonne
Die schönsten Wunder des Universums
Ihr trübes Gesicht erhellte mit Wonne

Er legte seinen Arm auf ihre Schulter
Sie lief mit ihm weiter, nicht mehr allein
Ein Sohn vielleicht mit seiner sehbehinderten Mutter –
Wie schön es ist, Mensch zu sein.

– Che Chidi Chukwumerije.

KINDERAUGEN

Ihre Augen sprechen eine Sprache
Die meine Empfindung begreift
Aber nur sie, diese innere Flamme –
Mein Verstand nicht.

Oft stehe ich frustriert, verwirrt
Abends an ihrem Hochbett und höre zu
Wie sie mir lebhaft-müde ihre Eindrücke
Des Tages in Kindersprache übermittelt

Wer im Kindergarten wen geärgert hat
Daß ihre Puppe bald Geburtstag hat
Ob ich heute schon beim Sport war
Warum die Jäger die Tigermamas erschießen

Aber während sie kreuz und quer redet
Sagen mir ihre Augen liebevoll, daß sie mir
Etwas ganz Anderes eigentlich sagen möchte
Für das sie noch keine Worte hat.

– Che Chidi Chukwumerije.

RÜCKSPIEGELUNG

Als sie Probleme, Missverständnisse
Mit ihrem Freund bekam, schlichtete ich
Doch war sie überrascht
Daß ich mit ihm Solidarität zeigte
Obwohl sie meine gute Freundin war

Ich bin halt kein Frauenversteher
Sagte ich, leise, ihr
Auch wenn ich Gedichte schreibe –
Das glaube ich dir nicht, sagte
Sie, das begreife ich nicht.

Ich sagte – ich hab zu lang ritterlich
Meiner Mutter immer Recht gegeben
Bis wurde mein Papa einsam und schweigsam
Und ich älter und ein Papa auch
Und habe, fast zu spät, begriffen

Wir Männer trotz Fehler sind am Ende
Doch alles, was wir gegenseitig haben.
Wenn nicht mal wir uns verstehen
Wer soll es tun? Mein Vater hat
Einfach das Beste getan, was und wie er konnte.

Vielleicht steckt nicht ohne Grund
Der Begriff Sohn
Irgendwo in dem Wort Versöhnung
Irgendwann wird das Leben zum Assoziationsspiel
Wer fährt dann vorwärts ohne Blicke in den Rückspiegel?

– Che Chidi Chukwumerije.