ERINNERUNG UND VERÄNDERUNG

Ein Mann lief wie ein Pfad durch den Wald
und verlor an jeder Wendung
den Blick zurück in seine Vergangenheit -
Geblieben ist lediglich Erinnerung.

Denn er verlor Freunde, engste Freunde,
ersetzt durch bittersüße Erinnerungen -
Manche meinen, Freunde wären wertvoller
als bloße Erinnerungen an tote Verbindungen.

Doch dieser Mann, er sieht das anders.
Menschen, wenn sie bleiben, verändern sich;
Sie bleiben gleich, nur wenn sie gehen,
verbleiben in der Erinnerung unveränderlich.

Keine zwei Menschen, einmal getrennt,
trafen sich je wieder. Oder selten.
Freunde trennen sich, Fremde finden sich.
Erinnerung und Veränderung. Zwei Welten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BE-SUCHT UNS IN DER ZUKUNFT

 Wie viele Häute wie eine Schlange
hat unsere Liebe schon abgeworfen?
Die einen suchen uns in der Vergangenheit,
im Gestern,
dort finden sie unzählige, tote, Muster.
Die anderen untersuchen die Gegenwart,
das Heute,
sehen eine immer-wiedergeborene
lebendige und wendige Schlange.
Aber wir, wir leben nach wie vor
in der Zukunft. 
Im Morgen solltet Ihr versuchen, 
das Rätsel zu lösen. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES GIBT KEINE NEUEN MENSCHEN

Es gibt keine neuen Menschen
Es gibt nur die alten
Seit langem traf ich keine neue Frau
keinen neuen Mann mehr
und fand nie wieder einen neuen Freund.
Es waren nur und immer die selben alten
die ich seit Jahren kenne,
in anderen Körpern, Gesichtern, Namen.

Es gibt keinen neuen mich;
such nicht nach ihm, nicht in mir -
finden wirst Du jedes Mal
am Ende nur den selben alten.
Es gibt keine neuen Jahreszeiten.
Zeit und Veränderung in Dauerschleife
zaubern immer wieder auf die Oberfläche neu
das alte, manchmal uralte, Ich hervor.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KUNST DER WANDLUNG

Kann ein Künstler Politiker sein?
Kann ein Regenbogen aus nur einer Farbe sein?
Aus dem Perspektiv der Zukunft gesehen,
welche der Beiden hat sie hervorgebracht?
Liegt in Politik oder Kunst die (Um)Gestaltungsmacht?

Was hat den Menschen je wirklich verwandelt?
In der Art, wie er empfindet, wie er handelt.
Staatsformen oder die schöpferische Kunst?
Das Herz, das Herz, wer kann es erreichen?
Nur der kann es lenken, stärken, aufweichen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WÄRE MEIN HERZ EIN HEMD

Wäre mein Herz ein Hemd,
aufknöpfbar wenn es warm wird -
Wäre mein Kopf ein Hut,
abnehmbar wenn er schwer wird -

Wären meine Wege Stiefel,
ausziehbar wenn sie weh tun -
Wären meine Gedanken Antennen,
einziehbar wenn sie sollen ruhn -

Wäre Krieg ein Film,
ausschaltbar wenn es einem reicht -
Und Einsamkeit ein Lebrbuch,
schwer bis man das Ende erreicht -

Dann wäre alles, was einst war
wie ein Traum, das niemals war -
Und es läge in unseren Händen
die Macht, unser Schicksal zu wenden.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIRGENDS IST‘S SO EINSAM WIE IN EINER EHE

Nirgends ist’s so einsam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken aneinander vorbei gedacht;
Innerlich entfernt, äußerlich zusammen gelacht;
Verstehen, nicht verstanden zu sein.
Und an die Einsamkeit sich gewöhnen.

Nirgends ist‘s so zweisam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken gemeinsam durchgedacht;
miteinander geweint, aufgebaut, gelitten, gelacht;
Verstehen, tief verstanden zu sein.
Und mit der Zweisamkeit sich verwöhnen.

Nirgends ist‘s so heilsam, wie in einer Ehe.
Heilig wäre fast das richtigere Wort.
Jedem seine geheime Welt lassen. Dort,
wo er sich selbst sein kann, muß nicht verstanden sein.
Die hässlichen Seiten und die schönen.

Nirgends ist’s so verschieden wie in einer Ehe;
Auf gemeinsamem Weg unterschiedlich altern,
gemeinsam unterschiedlich stolpern,
gemeinsam lernen, daß sie unterschiedlich sind;
unterschiedlich fassen, daß sie eine Gemeinschaft sind.

Zu Zweit Geheimnisse verschweigen und horten;
unvorstellbare Erlebnisse an unvorstellbaren Orten;
Dennoch: zu zweit allein sein und allein zu zweit sich supporten;
Mit widersprüchlichsten und einfachsten Worten.
Nirgends ist‘s so seltsam wie in einer Ehe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER FLÜCHTLING

Während er von Grenzpolizei
zu Grenzpolizei flüchtete, brauchte er
eine innere Heimat – am Anfang war die Hoffnung
sein Fluchthafen, aber als sie nach und nach
im Wirrsal der Ablehnung und Beleidigung
langsam umgestülpt wurde,
wuchs Erinnerung zur Herzscholle,
auf der er heimatlich wohnte, jedes Mal,
wenn er die Augen schloss.

Wie durch eine Lorgnette
aus der Ferne erblickte er die Sippschaft,
drollig, imponierend, … entrückt, abstrakt,
referierend fast über eine verlorene Welt.
Das Kind in seinem Herzen kannte sie,
er aber nicht mehr. Er wischte
die nassen Schuppen von seinen Augen
und pflügte voran wie ein Fischkutter
in kalten Gewässern – wahrlich Heimatlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER MITMENSCH ALS SPIEGEL

Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.

Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE FREUNDE FINDEN

Du wirst Deine Freunde finden
auf weniger begangenen Wegen –
Den Sonnenschirm fandest Du im Regen

Alles, was zählt, zählt nicht
Alles, was Du warst, warst Du nicht

Erst fandest Du das neue Dich
dann kam Dir sein Freund entgegen
und zeigte Dir das neue Dich
in nie gekannten Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELSPIEL

Als ich jung war,
war ich älter als meine Generation
Jetzt wo ich älter bin,
bin ich jünger als meine Generation

Es fühlte sich richtig an
Und es fühlt sich richtig an

Als ich im Paradies lag,
sehnte ich mich nach der Erde Staub
Jetzt wo ich auf dem Boden der Tatsachen stehe,
sehne ich mich nach dem Paradies.

Das ist unser Geheimnis: Deine Tränen ziehen
mich an und jagen mich wieder fort.
Dein Lächeln läßt mich kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung