Es gibt keine neuen Menschen Es gibt nur die alten Seit langem traf ich keine neue Frau keinen neuen Mann mehr und fand nie wieder einen neuen Freund. Es waren nur und immer die selben alten die ich seit Jahren kenne, in anderen Körpern, Gesichtern, Namen. Es gibt keinen neuen mich; such nicht nach ihm, nicht in mir - finden wirst Du jedes Mal am Ende nur den selben alten. Es gibt keine neuen Jahreszeiten. Zeit und Veränderung in Dauerschleife zaubern immer wieder auf die Oberfläche neu das alte, manchmal uralte, Ich hervor. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Veränderung
DIE KUNST DER WANDLUNG
Kann ein Künstler Politiker sein? Kann ein Regenbogen aus nur einer Farbe sein? Aus dem Perspektiv der Zukunft gesehen, welche der Beiden hat sie hervorgebracht? Liegt in Politik oder Kunst die (Um)Gestaltungsmacht? Was hat den Menschen je wirklich verwandelt? In der Art, wie er empfindet, wie er handelt. Staatsformen oder die schöpferische Kunst? Das Herz, das Herz, wer kann es erreichen? Nur der kann es lenken, stärken, aufweichen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WÄRE MEIN HERZ EIN HEMD
Wäre mein Herz ein Hemd, aufknöpfbar wenn es warm wird - Wäre mein Kopf ein Hut, abnehmbar wenn er schwer wird - Wären meine Wege Stiefel, ausziehbar wenn sie weh tun - Wären meine Gedanken Antennen, einziehbar wenn sie sollen ruhn - Wäre Krieg ein Film, ausschaltbar wenn es einem reicht - Und Einsamkeit ein Lebrbuch, schwer bis man das Ende erreicht - Dann wäre alles, was einst war wie ein Traum, das niemals war - Und es läge in unseren Händen die Macht, unser Schicksal zu wenden. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NIRGENDS IST‘S SO EINSAM WIE IN EINER EHE
Nirgends ist’s so einsam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken aneinander vorbei gedacht;
Innerlich entfernt, äußerlich zusammen gelacht;
Verstehen, nicht verstanden zu sein.
Und an die Einsamkeit sich gewöhnen.
Nirgends ist‘s so zweisam, wie in einer Ehe.
Intimste Gedanken gemeinsam durchgedacht;
miteinander geweint, aufgebaut, gelitten, gelacht;
Verstehen, tief verstanden zu sein.
Und mit der Zweisamkeit sich verwöhnen.
Nirgends ist‘s so heilsam, wie in einer Ehe.
Heilig wäre fast das richtigere Wort.
Jedem seine geheime Welt lassen. Dort,
wo er sich selbst sein kann, muß nicht verstanden sein.
Die hässlichen Seiten und die schönen.
Nirgends ist’s so verschieden wie in einer Ehe;
Auf gemeinsamem Weg unterschiedlich altern,
gemeinsam unterschiedlich stolpern,
gemeinsam lernen, daß sie unterschiedlich sind;
unterschiedlich fassen, daß sie eine Gemeinschaft sind.
Zu Zweit Geheimnisse verschweigen und horten;
unvorstellbare Erlebnisse an unvorstellbaren Orten;
Dennoch: zu zweit allein sein und allein zu zweit sich supporten;
Mit widersprüchlichsten und einfachsten Worten.
Nirgends ist‘s so seltsam wie in einer Ehe.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER FLÜCHTLING
Während er von Grenzpolizei
zu Grenzpolizei flüchtete, brauchte er
eine innere Heimat – am Anfang war die Hoffnung
sein Fluchthafen, aber als sie nach und nach
im Wirrsal der Ablehnung und Beleidigung
langsam umgestülpt wurde,
wuchs Erinnerung zur Herzscholle,
auf der er heimatlich wohnte, jedes Mal,
wenn er die Augen schloss.
Wie durch eine Lorgnette
aus der Ferne erblickte er die Sippschaft,
drollig, imponierend, … entrückt, abstrakt,
referierend fast über eine verlorene Welt.
Das Kind in seinem Herzen kannte sie,
er aber nicht mehr. Er wischte
die nassen Schuppen von seinen Augen
und pflügte voran wie ein Fischkutter
in kalten Gewässern – wahrlich Heimatlos.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER MITMENSCH ALS SPIEGEL
Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.
Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DU WIRST DEINE FREUNDE FINDEN
Du wirst Deine Freunde finden
auf weniger begangenen Wegen –
Den Sonnenschirm fandest Du im Regen
Alles, was zählt, zählt nicht
Alles, was Du warst, warst Du nicht
Erst fandest Du das neue Dich
dann kam Dir sein Freund entgegen
und zeigte Dir das neue Dich
in nie gekannten Wegen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WECHSELSPIEL
Als ich jung war,
war ich älter als meine Generation
Jetzt wo ich älter bin,
bin ich jünger als meine Generation
Es fühlte sich richtig an
Und es fühlt sich richtig an
Als ich im Paradies lag,
sehnte ich mich nach der Erde Staub
Jetzt wo ich auf dem Boden der Tatsachen stehe,
sehne ich mich nach dem Paradies.
Das ist unser Geheimnis: Deine Tränen ziehen
mich an und jagen mich wieder fort.
Dein Lächeln läßt mich kommen und gehen.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZEITVERSCHIEBUNG
Die Nacht ist still
und doch so laut.
Eine Nation, wie ein Planet
dreht sich unbemerkt
verschiebt sich unmerklich –
Nur wenn Tag und Nacht kommen und gehen
Nur wenn die Jahreszeiten Plätze tauschen
Nur wenn das Klima sich ändert
begreifen wir, daß nichts mehr so war
wie einst es war.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VERGESSEN
Wie oft muss ich schon gestorben sein,
daß ich Deinen Namen vergessen konnte,
die Du einst meine Sehnsucht gewesen warst,
als ich in Deiner Sehnsucht mich sonnte?
Mehrere Menschen liegen zwischen mir und Dir,
mehrere Leben, mehrere Gräber – und jedes verblich;
Mehrere Geschichten, Entfernungsschichten…
Und jedes davon war auch Ich.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
