WECHSELSTROM

Ich überquerte einen Ozean aus Traum und Schmerz;
Ich überquerte einen Ozean aus Spaß und Scherz;
Ich suchte Frieden, doch – Ihr ahnt es –
Auch die neue Heimat brach mir das Herz.

Egal, wo wir sind, die Arbeit bleibt das Gleiche;
Zielort Freude: Umstellung der Weiche
Kontinuierlich flüchtend, kontinuierlich bleibend wie eine
Stehende Welle. Gefangen in der Seiche.

Manchmal kommt das Neue in altbekannter Form;
Manchmal kommt das Altbekannte in neuer Form.
Wir blicken stetig und mutig nach Vorn –
Veränderung ist für den Menschengeist die uralte Norm.

In uns ist – es ist kein Klischee – Magie
Wir reden nicht, wir tauschen gegenseitig Energie
Das Erdenleben ab und wann neu denken macht Dich
Zum normalen Menschen, aka zum Genie.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTE LIEDER

Deine Musik füllt mich
Du früherer Ich
Wer hätte gedacht
damals als wir sie gemacht
haben und geweint und gelacht
und an die Zukunft gedacht
daß ich in der Zukunft
Dich so sehr vermissen würde?
Deine Einfachheit, Deine Kindlichkeit
Deine Ehrlichkeit, Deine natürliche Würde
Wir dachten, jene Vergangenheit
war eine Hürde –
Aber heute weiß ich, was Du nicht wusstest:
Diese leere Zukunft ist die schwerste Bürde
Ohne Dich
Nein, ohne mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMATA

Hasse
Maße
Straße
Tasse
Lasse
Klasse
Und noch mehr Assen
reimen sich alle auf Rasse
können sie aber nicht ersetzen –
Nichts kann das.

Deshalb schaue ich ein letztes Mal drauf
bevor es aus dem Grundgesetz verschwindet
und ich für immer meine Rasse verliere.
Fühle ich mich nun geschützter?
Oder entblößter?
Verstandener?
Oder missverstandener?
Etwas in mir schaut sich vorsichtig um…
Ich suche schon den nächsten Haken,
bevor ich ihn überhaupt fasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUMENSCH

Ich bin hart
wie eine scharfe wunde Kante
und schieb gegen die Grenze einer Klischee
und verschieb Dein Weltbild
einzig und allein durch mein Da-sein.

Wie das Jahr kurz vor Silvester
Wie der Morgen kurz vorm Sonnenaufgang
Wie eine Empfindung, kurz bevor sie Gedanken erweckt
Steht die Welt heute vor Veränderung –
Und WIR sind die Veränderung, Du und ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CARPE DIEM

Meine Tage sind wie Stufen
einer Treppe, nur weiß ich nicht,
wo sie mich hinführen. Kein Ende in Sicht,
ist alles, was sie pausenlos rufen.

Noch ein Tag neigt sich seinem Ende
Das Verschwindende war mal das Kommende
– des Lebens schnell verfallende Pfänder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUGEBURT AM ABEND

Die Zukunft ist hinter mir her
Ich laufe so schnell wie ich kann
Ich laufe weg von ihr
Sie ist meine alte Zukunft, die ich mir einst ersann
Ich will sie nicht mehr

Jetzt baue ich mir schnell eine neue Zukunft –
Doch meine Zeit ist fast um. Reise ohne Ankunft?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST STRAUCHELN

Halte inne, und sei gewiß
den Fehler Deiner Eltern wirst Du wiederholen
Wissen ist Macht
DIESES Wissen allein wird Dich retten
kurz bevor Du fällst –

Es gibt einen Grund warum
Afrika sich ständig wiederholt
Europa sich ständig wiederholt
Deutschland sich ständig wiederholt
trotz allen Bemühungen zum Anderswerden.

Den Fehler machen die, die ihre Eltern
irrtümlicherweise für ihre Vergangenheit halten,
nicht ahnend: die sind Eure Zukunft
ruhig gärend in Euch wartend –
Nur dieses Wissen wird Euch retten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUB

Ich sehe die Blätter –
Sie ruhen auf dem Boden.
Der Baum, erleichtert,
atmet frei…

Wie gern würde auch ich
alles fallen lassen…
Als wäre ich der Herbst
meines eigenen Lebens.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNLICH

Wie sehnte ich mich nach Dir
als sehnte ich mich nach mir
und als Du verschwunden bliebst,
starb mit Dir der Mensch, der ich war.

Jetzt schaue ich jeden Morgen
aus dem Fenster nervös in die Ferne
und bete inbrünstig, sehnlich, daß
Du nie wieder auftauchst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEIN

Ich gehe meinen Pfad
Schritt für Schritt
Und mache eine Neugeburt
Aus jedem Fehltritt
Das heutige schöne Gedicht
War gestern ein häßlicher Schrei
Ich sterbe gerne im Dezember
Um neugeboren zu werden im Mai.
Um neugeboren zu werden
Mit einem neuen Schrei.
Ich will alles hinter mir lassen
Doch wozu?
Es kommt alles wieder –
Und doppelt stark hinzu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung