DAS WESENTLICHE

Papa, Du bist
fast nie Zuhause –
sagte mir heute Morgen mein Sohn.

Aber ich hörte:
Papa, Du bist nie da.

Und ich dachte an die Demos,
dachte an die Arbeit und an die Treffen,
an die Zukunft, die ich ihm bereiten wollte…

Und ich fragte mich:
War es das alles Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIE ERTRINKT UND KÄMPFT

Sie war auf der Suche
nach der großen Liebe
Am Ende sitzt sie in mitten
einer großen Familie … alleinerziehend

Vier Kinder sitzen
wie die tiefen Narben ihrer Sehnsucht
auf ihrem Gewissen Tag und Nacht
Eine nimmer endende To-do-Liste…
sich zäh in die Länge ziehend.

Und immer noch schwankt sie täglich
zwischen
Ich habe mein Leben verschwendet
und
Er wird zu mir zurück kehren.
Die Hoffnung, ach, ewig anziehend.

Che Chidi Chukwumerije (05.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS KOMISCHE

Das Komische
ist, daß ich es nie erkenne
bis es vollbracht ist
immer

sondern glaube stete
noch beim Letzten zu sein
das allerdings schon längst vorbei ist
lautlos

Mich traf kurz vorher ein Blitz
Eine Erkenntnis –
Ich wollte aber als erstes mir den Titel besinnen
Aber bis mir der eindämmerte
war wieder weggeflogen bereits das Gedicht.

Das Komische
ist, daß ich es nie erkenne
bis es vollbracht ist… und heim geflogen –
Immer.

– Che Chidi Chukwumerije

WEIHENACHT

Das Jahr ist anders viel
Anders gelaufen als erwartet
Erhofft. Nur heute kommen
Die selben alten Gefühle wieder
Hoch.

Der Schmerz unerklärlich
Und Nostalgie und Verlust ohne Name
Und es ist alles vorbei –
Nur ich habe überlebt, im einsamen
Loch.

Diese Glocken so uralt, so vertraut
Tröstend, wissend, alles was du
Leidest ist ein wiederkehrender
Glockenklang. Sei stark, sei
Schwach.

Mensch, sei Mensch. Menschen scheiden
Trennung ist euer Schicksal, denn
Ihr müsst euch trennen, um weiter
Zu wachsen. Traure deiner Kindheit nicht
Nach.

Die Seele, die erwacht und lacht
Ihr wird heute Weihenacht.

– Che Chidi Chukwumerije.

IRGENDWANN IST ALLES GUT

Ich kannte mal lange eine Liebe
Sie nahm mir unabsichtlich alles – eines Abends
Saßen wir neben einander im Wohnzimmer
Im Schweigen. Irgendwann fragte sie mich leise:
„Schatz, was ist los?“ – Und ich dachte langsam
An alles, was ich für diese Liebe unfreiwillig aufgeopfert hatte
Und lang sagte ich nichts, bis der Schmerz sich ausgebrannt hatte
Dann schloß ich das Buch der Vergangenheit und sagte:
„Mach dir keine Sorgen; es ist alles gut.“
Und wir umarmten uns lange.

– Che Chidi Chukwumerije.

UNFASSBAR

Der hauchdünne Schmerz abermals
Jedes Mal, so wie Grausilbernrauchschwaden
Ihr Gedanke vorbei streift

Ich habe den ganzen langen Sommer
Im Loch nach dem Keime umgegraben
Zu entfernen des Schmerzes Brennwurzel
Ungekrönt von Erfolg

Jetzt härtet Herbst den Boden
Bis zum Frühling wird’s noch härter werden
Unter Schnee und Eis und ungetaut
Wird überwintern abermals in mir
Ungelöscht, mein Sehnen nach ihr.

– Che Chidi Chukwumerije.