DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMWEG

Neulich entdeckte ich einen Pfad,
der durch mein Gedächtnis lief –
Er schien eine Erinnerung zu wecken,
die schon lange in mir schlief
und nun nach mir leise rief.

Neugierig folgte ich dem Pfad
im Gedächtnis und es lichtete sich
nur langsam mit jedem vorsichtigen Schritt.
Sein unbekanntes Ziel blieb nebelig,
mir so verschleiert wie mein altes Ich.

Ich lag im Bett, Augen zu, still
und lief im Gedächtnis immer weiter –
Plötzlich sah ich vor mir stehend, und
hörte … ein Pferd, eine Stimme, ein Reiter:
Folgst Du dem Weg oder dem Wegbereiter?

Der Pfad verschwand aus meinem Kopf
und die Frage nahm seinen Platz.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum
und wiederholte mehrmals diesen Satz
und hütete es in meinem Herz wie einen Schatz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 9: VERSCHWINDEN.

Wenn ich auf der Autobahn fahre, habe ich den Eindruck, die Autobahn fährt auch auf mir. Wenn ich durch das Land fahre, empfinde ich es so, als würde das Land auch durch mich hindurch fahren. Und hinterlässt Spuren. Ich freue mich auf die morgige Fahrt. Sie wird, wenn alles gut geht, etwa sechs Stunden dauern. Am Anfang werden wir die Stadt und dann ihre weite mit Stadtgeist durchdrungene Umgebung im relativen Schweigen hinter uns lassen und dabei das Gefühl haben, einen Mantel, eine zweite Haut, auszuziehen. Irgendwann wird der Puls der Reise uns auf der Autobahn begegnen, uns aufsaugen. Nach einer Stunde vielleicht. Fast gleichzeitig werden wir laut ausatmen, uns gegenseitig anlächeln und uns entspannen. Bis dann wird die Kleine hinten bereits eingeschlafen und wir werden die Kindermusik-CD rausziehen und Tracy Chapman reinstecken. Das Gespräch mit dem Weg wird anfangen, darunter ein paar Erinnerungen an unsere besten und schlimmsten Fahrten aus der Vergangenheit. Danach wieder Schweigen, aber ein angenehmeres wie am Anfang, mit der Musik mitsummen. Immer wieder Stau, Baustellen, hoffentlich keine Unfälle. Ein oder zwei Toilettenpausen. Am Anfang wird man sie kaum erkennen, Umrisse weit in der Ferne, die Zukunft, allmählich klarer und dichter und unausweichlicher werdend, Berge. Wir fahren nach Süden. München ist für uns der Wendepunkt auf der Fahrt nach Österreich. Am Flughafen vorbei, an der Allianz Arena. Wird sie morgen vor Freude rot strahlen? Gleich geht’s los. Muss nach diesem Schreiben noch schnell ein paar gelbe Räucherstäbchen für meinen lieben tapferen BVB zünden. Die Frage, die mich auf dieser Strecke immer fasziniert ist, wo liegt die Grenze zwischen Deutschland und Österreich? Ich spüre es immer – äußerlich scheint sich nichts oder wenig geändert zu haben, und doch sind wir in Österreich. Ich kann es mir nicht erklären. Eine Aufregung, eine neue Spannung, wird sich ins Auto einschleichen. Schon längst lebhaftere Musik. Die Kleine wird aufwachen und sich gegen die Musik laut protestieren. Die Spitzen des Karwendelgebirges werden mit dem Inn vorbeifliessen, ihre Namen sind mir (wieder) unbekannt geworden. Jedes Mal schauen sie ins Auto hinein, schütteln ihre Köpfe über meine Vergesslichkeit. Ein paar Kilometer vor Innsbruck werden wir die Autobahn verlassen und in die Berge verschwinden.

– Che Chidi Chukwumerije.

JETZT

Lebe die Gegenwart für sich
Gib nicht die Mühe, sondern gib Dich

Schaffe nicht, um später zu genießen
Er sucht nicht die See, der Fluß, er liebt das Fließen

Der Weg ist nicht das Ziel
Denn es gibt weder Weg noch Ziel

Es gibt nur das Leben und den Augenblick
Dein Leben in diesem Augenblick ist Dein Geschick

Jeden Tag über der Arbeit gebückt
Holt man nicht in der Rente zurück

Drum aus dem täglichen Leben
Alles nehmen, ihm alles geben

Die Realität ist die Gegenwart
Und das Tor in den ewigen Innengart
Das Paradies ist kein fernes Land
Das Paradies ist ein Zustand.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.
aus meinem Gedichtband “Innengart“.

GLÜCK UND SEGEN

Wagen
Auf all deinen Wegen
Dich wagen
Das ist dein Wagen

Kein Volkswagen
Auf Massenwegen
Nein. Dein eigenes Wagen
Dich regen persönlich

Dich bewegen
Bewegt mich, bewegt uns
Traue dich, zu wagen
Bring mich weg.

Bringe mich, aus dem Gleichgewicht
, ans Licht, das ausbricht
Schicht für Schicht
Ich werde dich nie vergessen.

– CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.