Wäre Ahnung eine Person, dann wäre sie ein Weib. Wäre Tiefe ein Körper, bestimmt ein weiblicher Leib. Würde Heim, würde Heimat Form nehmen genau, dann stünde vor unseren Augen eine warme und tiefe Frau. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Weiblichkeit
MÄNNLICH IST NICHT WEIBLICH
Mann oder Frau? Männlich oder weiblich. Es gibt eine Sensibilität der Empfindung Es gibt eine Tiefe der Erinnerung Es gibt eine Genauigkeit der Wahrheitserkennung Es gibt eine Intensität der Gewissensfühlung Es gibt einen Grad der Gottesverbindung Es gibt eine Feinheit der Schönheitsgestaltung Es gibt ein Zuhause, eine Ruhe, ein Heil, Zu deren Erreichung, das was zählt, Mir als Mann der weibliche Anteil Innen fehlt. Männlich ist nicht weiblich Und Mann ist nicht Frau. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHÖPFEN
Durch Dich dämmert es mir
Was das ist – Weiblichkeit.
Ich schöpfe und schöpfe aus Dir
Wie aus einer Quelle zur Unendlichkeit.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
AN DIE LILIE
Der Blume
Ureigentum
Ist die Reinheit
Als Heiligtum
Der Lilie
Unnahbar
Unantastbar
Unfassbar
Die Einfachheit ist ihr Schlüssel
Somit bleibt sie uns verschlossen
Wie die geheimnisvolle Gral-Schüssel
Rein und unerschlossen.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
DENKZETTEL
Ein Denklächeln
Dein Lächeln ist voller
Tausend Gedanken
Die mich fesseln…
Gedankenübertragung
Mein Herz jubelt
Erinnert sich an Versprechen
Jenseits meiner Erinnerung
Halte mich fest mit Deinem Herz
Ich habe den Weg vergessen
Mit Deinem ehrlichen Blick
Führe mich heimwärts… aufwärts.
Denklächeln…
Du redest mit meiner Seele
Denn Dein Lächeln
Ist mein Denkzettel.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
DISTANZ
Ich will Dein Inneres
Doch wo ist der Eingang?
Nicht jede Öffnung
Führt zurück zu Deinem Anfang
Weltenwanderer Ich
Ich hab Dich ganz durchwandert
Doch Deine intimste Heimat
Blieb mir stets zugemauert
Ich sehne mich innigst
Nach tiefem Zuhause-sein
Ein Stück dessen brennt
In Deinem innersten Kämmerlein
Doch so oft ging ich rastlos
In Dich ein und aus
Und dennoch bin ich immer noch
Einsam unterwegs nach Haus.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
DAS UNSICHTBARE
Die Rose im Garten
Unter liebevoller Pflegerhand
Die Rose im Wald
In vernachlässigster Ecke im Land
Beide werden wachsen und gedeihen
Das Unsichtbare wird beiden Flügeln verleihen
Das Mädchen der Stadt
Das Mädel vom Land
Beiden haftet gleich
Stark und tief und weich
Der unsichtbaren Weiblichkeit Hand
Und Herz in Sein und bei Tat.
Ihr dürft den Drang nie unterdrücken
Nach Innen und nach Oben zu blicken.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung
DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH?
Es ist nicht leicht, hört man häufig, ein Mann zu sein heutzutage. Der Mann muß sich neu klären, um innerlich in die Lage zu kommen, seine Art, Fähigkeiten und Kräfte unter den Bedingungen der modernen Menschenart zum Einsatz ganz bringen zu können, ohne verroht zu wirken. Der Klärungs- und Umwandlungsvorgang bedingt das sich Auseinandersetzen mit der Frage, als Mann: was bin ich? Dieses sich Auseinandersetzen mit dieser Thematik soll ein lebendiges sein, im Erleben und in der Selbstreflexion im Licht der Wahrnehmung der eigenen Art des Handelns, Seins, Denkens, Empfindens und Reagierens im Erleben selbst. Es geht darum, die Männlichkeit irgendwie wieder und ganz zur Geltung zu bringen. Denn vorgeschlagen in dieser Frage ist die Andeutung, daß die Männlichkeit in bisheriger Form keinen Wirkungskontext in der modernen und in der kommenden Gesellschaft mehr hat.
Was ist jedoch Männlichkeit? Das Innehaben von Führungspositionen war von jeher für die Männlichkeit ein selbstverständliches Bestandteil seines Selbst, Selbstbilds und Wirkens. Genau aus diesem Grund kommt vielleicht ein Teil der heutigen Männlichkeit kaum klar mit den Formen der tragenden Strukturen der jetzigen Gesellschaft, die nicht nur zulassen, daß die Weiblichkeit in großen Zahlen an Führungsinstrumenten und Machtpositionen gelangen, sondern dies zum Teil sogar bedingen und unausweichlich machen. Je mehr immer höheren Gipfeln der Zivilisation, der Technik und der Sozialwissenschaft zugestrebt werden, desto mehr wird Platz für die Frau – für das Weibliche – geschaffen, nicht nur neben, sondern auch teilweise vor dem Mann. Denn das Hauptwerkzeug, mit dem in der Vergangenheit genau dieses stets verhindert werden konnte – die brutale rohe körperliche Gewalt, wenn auch nur als Andeutung in der Kultur zusammenhängend – gilt nicht mehr als zugelassenes Mittel in diesem Kontext.
Jetzt gilt es also, Mann zu sein ohne den mit direkter oder angedrohter Gewalt unterstutzten Anspruch auf Führung mit in die Waagschale zu werfen. Jetzt gilt es also, das ursprüngliche Selbstbild des verklärten ideal-sein-wollenden Mannes zu erfüllen, “Ritter” zu werden. Jetzt gilt es also, mit der Macht des innewohnenden Geisteswesens männliche Kraft zum Zwecke der Beschützung und der Raumschaffung für das Gedeihen des Ganzen, sowie seiner Weiterentwicklung, einzusetzen. Beherrschung transformiert sich und hebt sich auf die Ebene der Selbstbeherrschung; und Druck ausüben reift zum “Sich zum Ausdruck” bringen. Unterdrückung weicht dem gegenseitigen kritischen Erleben von einander. Das Formnehmen und Inhaltgeben dieses Grads der Zivilisation zu ermöglichen, zu begleiten und zu beschützen, ist als Herausforderung der höchsten Gewaltpotenz der Männlichkeit ebenbürtig und ist deshalb der Versuch wert.
Die Frage nach den Wirkungswesen und Wirkungsformen des modernen Mannes läuft einer anderen Überlegung vorbeugen wollend, ungültig machen wollend, voraus. Die Überlegung, ob es überhaupt noch Platz gibt für die Männlichkeit, vor allem in bisheriger Zusammensetzung, in der sich heranreifenden Zivilisation. Ob also das Zeitalter der männlichen Vorherrschaft langsam abgebaut wird und ersetzt durch eine Neuzeit der bestimmenden Wirkung weiblicher Führung. Als vor einigen Jahren FIFA mit dem Slogan kam – “Die Zukunft des Fußballs ist weiblich” – wurde, ob bewußt oder nicht, das angenommene Versetzen eines globalen Paradigmen lokal angepfiffen. So was löst in manch einem männlichen Bewußtsein, gefesselt durch subtile Ketten, einen Zustand aus, der von einigen als Krise wahrgenommen, jedoch von anderen als Anregung zur Neudefinierung von Männlichkeit und von Begriffen wie männlicher Stärke angenommen wird.
Denn – und auch diese Frage lässt sich stellen: Was ist wenn die Zukunft des (Fußb)Alls auch gar nicht weiblich an sich ist… sondern einfach menschlich?
