DEN HERBST VERSTEHEN

Manchmal musst Du gelebt haben
Und gestorben sein
Um den Herbst zu verstehen
Um genüßlich Dich an trocknem Wein
Nachdenklich zu laben
Am Abend Deines neuen Seins
Weder dem Sommer nachsinnen
Noch den Winter vorspinnen
Nur Herbst in Dir singen lassen
Und wenn Du äußerlich unbeweglich scheinst
Denn nur weil Du der erwachsen gewordene
Stabile ruhige Krug
Der alles ertrug, geworden bist
In dem heute die tobende Brandung
Ihre Verankerung sucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WANDERLUST…

… in Familien hinaus, die obwohl kinderlos
Mehr Kinder haben und lieben
Als jeder Leib zur Welt tragen könnte –
Von der Selbstlosigkeit getrieben.

… in Gefängnisse hinein, wo Freigeister
Loyal und sich gegenseitig helfend
Zu einander stehen; und sie machen
Unter sich die höchsten Tugenden geltend.

… in Krankenhäuser und Altersheime hin,
Wo viel Leben, Jugend und Kindlichkeit
Sich nach einer zweiten Chance sehnen,
Auszuleben ihre Menschlichkeit.

… in die Ferne, nach Hause, zu Vornehm und Gering,
Und was hinten lag, lag auch stets Vorne
Nur in mir war es leer und lernend
Und aufnehmend – wie soll ich mich erforschen?

Wanderlust. Rastlos und unruhig.
Bewegung macht mich ruhig und still
Die Welt belehrt mich mit tausend Geschichten
Aber ich weiß noch nicht, was ich wirklich will.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

NIMMERSATT

Alles Leben
Ist Lieben

Ist Leiden
Glauben
Sehen

Alles Sehen
Ist Gehen

Ist Erleben
Finden
Werden

Lebendig
Liebhaber
Leidender
Werden

Überzeugt werden
Ist sehend geworden

Sehen
Ohne Farbbrille

Gehen
Ohne Gehstöcke

Erleben
Ohne Vorurteile
Ohne Schutzmantel
Oder Deckmantel

Finden
Ohne Gier
Ohne Angst
Doch ohne
Satt werden auch

Ist
Werden
Durch
Leben.

– Che Chidi Chukwumerije.

ABSCHNITT

Manchmal blicke ich vom Büro
Durch die Glasscheibe hinaus
Auf eine Autobrücke
Die von allen benutzt wird
Und von allen verlassen wird –

Wer soll mich begleiten
Auf meinem langen gebogenen Weg?

 – Che Chidi Chukwumerije.