DEN HERBST VERSTEHEN

Manchmal musst Du gelebt haben
Und gestorben sein
Um den Herbst zu verstehen
Um genüßlich Dich an trocknem Wein
Nachdenklich zu laben
Am Abend Deines neuen Seins
Weder dem Sommer nachsinnen
Noch den Winter vorspinnen
Nur Herbst in Dir singen lassen
Und wenn Du äußerlich unbeweglich scheinst
Denn nur weil Du der erwachsen gewordene
Stabile ruhige Krug
Der alles ertrug, geworden bist
In dem heute die tobende Brandung
Ihre Verankerung sucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ABWECHSLUNG

Wir genießen die Sonne
Weil sie unter geht

Schön ist die tiefe Wonne
Die in mir entsteht

Denn Du bist mir gekommen
Mit allem, was Du bist

Hast strahlend hell geglommen
Erregter Amethyst

Geweckt das frohe Fließen
Gefrornes Morgentaus

Doch intensiv genießen
Halt ich nicht ewig aus

Des Sommers und des Winters
Bin ich beides gleich

Das Schließen des Fensters
Öffnet zum Innenreich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHÖPFEN

Auch der Gehstock braucht
Eine Wand zum Anlehnen, der Baum
Braucht die Nacht zum Abkühlen,
Der Vater braucht die Erinnerung
An seinen Vater, um seinem eigenen inneren Kind
Eine Schutzempfindung zu vermitteln. Ich kann
Nicht immer Kraft spenden; ich
Muß mich von Vielem abwenden an
Meiner Lebensphase Abenden. Es sind
Keine Launen. Ich brauche einfach nur
Ab und zu meine Ruhe, aus der ich
Neue Kraft und Orientierung schöpfe.
Wem das nicht passt, dem passiert es zurecht.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung