Die Nacht ist still Der Schnee hat viel zu sagen Stattdessen hat er viel verschwiegen Der Mensch kann viel ertragen Ohne zu brechen oder sich zu verbiegen Wenn er wachsen will. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Winter
HERBSTSINN
Wollen wir älter werden ohne jung gewesen zu sein? Wollen wir jung bleiben ohne reifer zu werden? Nein. Wir wollen jung sein und alt, Komplexität haben und Einfalt, sowohl Haltlosigkeit als auch Halt - herzenswarm und verstandeskalt. Denn der Frühling erwacht in uns Der Sommer ist unser rauschendes Blut Der Herbst, dichtend, sinnt in uns Der Winter ist unser werdender Mut. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
GESPÜR FÜR WINTER
Manchmal kann ich meine Stimme nicht finden, Sie versteckt sich irgendwo in mir. Wer mich empfangen will, muß mich empfinden - Deshalb hat jeder Mensch ein Gespür. Das sind die Worte, die still der Winter flüstert, Ich höre sie im Februarwald, Im liegenden Zweig, der knurrt und knistert, Im lauen Wind, der schallt und nachhallt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIE EIN GAST LIEGT DER SCHNEE
Wie ein Gast liegt der Schnee, Zu Besuch, im Wohnraum der Stadt ausgebreitet, Fremd und doch Zuhause, und unbegleitet, Wie ein Familienmitglied vom Übersee. Er hat nicht viel zu sagen, genau wie ich, Schweigen ist unsere Sprache des Suchens nach Antwort, Ruhe und Ursache, In diesen Winternächten und -Tagen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE BÄUME SEHEN ALLES
Sie könnten fast Menschen sein Wie sie da stehen, still, im dunklen Wald. Wieso sagen sie nichts? Wir sind allein, Der Winter ist kalt, die Nacht ist alt, Die Wolken öffnen ihren Mund dem Mondschein, Geistern oben im Himmel, unten in Schneegestalt. Ein Bach, ein ungenaues Tier, ein Grenzstein. Die Bäume sehen alles, sie sind der Wald. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KALTES DEZEMBERENDE
Der Schal, dicker, enger angebunden; Mein Hals, der im Sommer die Lüfte liebt, versteckt sich in diesen Winterstunden vor beißenden Zähnen, scharfen Zungen fremder Durchreisenden einst geliebt. Unbeliebte Zitterpartie. Mit eisigen Händen umfassen sie mich in nebligem Würgegriff. Ich höre, sehe unscharf das Jahr enden. Ich rieche, ich schmecke weiche Lenden. Schnee brächte jetzt den letzten Feinschliff. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GETRENNTE WINTERWEGE
Sie werden jetzt ihre getrennten Wege gehen Die, die ihr Blättergewand ausziehen und die, die unverändert aussehen Getrennt durch den Winter wie unzählige geschiedenen Ehen Bis im Frühling erfüllt wird das Versprechen des „Auf Wiedersehen“ Geh im Wald spazieren Bewundere dieses Geschehen Diese zwei Bäume im Winterrad Wie Fremde unterschiedlich drehen Reden nicht mehr miteinander schweigend, nur noch die Winde wehen… Dennoch bleiben sie die ganze Zeit ruhig nebeneinander stehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KEINEN DEZEMBER VERSCHWENDEN
Es wird zunehmend sein Ein karges Dezemberlein Wenig Geld in der Tasche Schnee wie Asche zu Asche Perfekte Bedingungen Für versteckte Empfindungen Über defekte Verbindungen. Wer das ganze Jahr lang Einem lang ausgezogenen Schwanengesang Im Herzen tanzte Sich darin verschanzte Der sollte den Dezember nicht verschwenden Darf jetzt im alten Selbst still verenden Im Neuen aufstehend die Seite bitte wenden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WECHSELJAHRESZEIT
Wie Du schneist, schmilzt
Erfrierst dann taust
Meine Neugierde erhitzt
… desinteressiert schaust.
Dein Winter ist warm
Deine Wärme ist kalt
Deine Kälte ist lauwarm
Sehnsucht ist ihr Inhalt.
Fremde kommen und gehen
Das ist ihre Eigenart
Auf Wiedersehen…
Heute hart, morgen zart…
Der Herbst geht in den Winter
Zögerlich ein
Liebe steckt dahinter
Gnadenlos, rein.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER WINTER KOMMT
Der Donner ist stumm wenn er kommt Er schreit innerlich, schweigt winterlich Der Gedanke blitzt rauf und runter Der rauher Wind gähnt, kühl, und erwähnt Eine lose Stimme im Herzen jault es auch Geräuschlos hat sich die Welt verändert Der Herbst zieht sie aus, der Winter kommt Langsam. Alles braucht seine Zeit - Blumen, Liebe, Wunden und die kalte Jahreszeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
