Das Flugzeug ist voller Wurzeln, die bis zum Boden - fast - reichen. Die sitzen fest angeschnallt sehnen sich nach der Landung. Ihre Geschichten, ihre Schicksale, wie Schleifen, hängen außen vom Flugzeugrumpf herunter, sichtbar nur dem Hellseher, dem Fantasieregen und dem Dichter, fliegen im Wind, mitgezerrt, flatternd hinten wie hundert Schwänze. Sie sind die Wurzeln der Reisenden und sehnen sich ebenso nach dem Boden, nach Erdung. Sanft war die Landung. Die Menschen setzen Fuß auf festen Boden. Ihre Wurzeln bohren sich wieder in die Erde. Nur ihre Träume und ihre Wünsche, diese fliegen weiter. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Wünsche
DIE GESCHICHTE EINER LETZTEN FREIEN NACHT
Laut und versaut
Ist die Braut
Und wurde mit ihrer Einwilligung
In der Nacht gebraucht
Getarnt, von ihrer Maske beraubt
Lautlos geklaut
Und zum Schlachthof gebracht
Jenseits ihrer Grenze
Und mitten in der Party lachend entfacht
Von tausend Gedanken gehalten
Im Schach.
Dort hat sie die letzte Nacht verbracht
Denn das war Brauch
Und am nächsten Tag wurde sie wieder
Maskiert unter lautem Jubel getraut
Ein bitterer Nachgeschmack verstaut im Bauch
Nüchtern und schüchtern
Ob möglich keimender Gerüchte
Ein Geheimnis eingebaut in ihr Leben
Fürs Leben.
Keiner hat‘s durchschaut
Aber sie war allen vertraut
Denn laut und versaut
War die Braut.
– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
ZUR RUHE KOMMEN
Es ist interessant
Zu beobachten
Wie sich meine Träume im
Wahrsten Sinne des Wortes
Entfernen…
Und nach dem Zusammensturz aller
Hoffnungen, schloß ich die Augen
In der Erwartung in mir die
Leere zu finden,
Doch siehe: ich war noch voller
Als je zuvor. Und wunschlos
Glücklich.
– Che Chidi Chukwumerije.
