ALTER

Wenn man die Blätter zählt
Die vom Baume gefallen sind
Ist er alt…
Wenn man die Blätter zählt
Die dem Baume am Entsprießen sind
Ist er jung…

Bin ich so alt,
Wie meine Werke hinter mir?
Oder so jung
Wie die Träume in mir?
Was ist die Zeit? Was ist das Alter?
Wann beginnt und endet mein Zeitalter?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE LETZTE STUNDE DER NACHT

Jener Moment
kurz bevor Dir die leichte Vorahnung dämmert
der baldigen Ankunft morgendlicher Dämmerung…

Hat die Empfindung einen Geruchssinn?
Wiese rieche ich, wo es keine gibt –
Wieso?

Der Tag ist wie ein Gedanke
der Dich aufsucht und lange heimlich umkreist,
leicht spürbar, bevor er Dich erhellt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEIT REISE

Ist die Zeit eine Linie
oder ein Kreis?
Ich führe zum Beweis
ihrer Kreisförmigkeit
die ständige Anwesenheit
der Vergangenheit
in der Gegenwart
ihrem Lieblings Tatort
wie in ihrem Kreissaal
der ständigen Wiedergeburt
ohne Zukunft.

Ohne Zukunftsblick
Geht‘s ins Vergangene zurück
Der Bewegungsdrang
treibt zum Alten wieder
wer das Neue nicht ertragen kann.

Ist die Zeit ein Kreis
oder eine Linie?
Ich führe zum Beweis
ihrer Linienartigkeit
die Reue über alles Vergangene
was ich nie wieder zurück holen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITGEISTER

M: Wir reden übermorgen

H: Was wollen wir über morgen reden? Laß uns doch lieber über heute reden?

G: Ne, laß uns über gestern reden. Dann wissen wir Bescheid über heute und morgen. Denn vor gestern gab es keine Geschichte. Alles fing immer gestern an.

M: Alles gut. Doch laß uns das erst übermorgen machen. Denn heute will ich erst über morgen reden.

H: … und morgen erst über heute?

M: Ja!

G: Aber das wäre dann gestern… endlich!

H (*kopfschüttelnd): Was soll ich täglich mit diesen Selbstgesprächen? Gestern und Morgen gibt es nicht. Eines gab es, eines wird es geben. Täglich. Heute bin ich ein Einzelkind. Wie immer.

SCHWEIGEN.

Che Chidi Chukwumerije (08.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HEUTE VERÄNDERN

Es gibt nie wirklich einen Morgen
Das Leben verändert sich immer
Denk an all Deine Träume von Morgen
Von ihnen hat keinen blassen Schimmer
Heute – Gestern‘s wahrer Morgen.

Die Art und Weise, wie sich Heute wiederholt
immer wieder im Kern und immer wieder
raubt mir den Atem wiederholt. Wieder erholt
hole ich wieder aus, stimme Morgens Lieder
doch Morgen hat mich Heute wieder eingeholt.

Morgen kannst Du nie aufholen
denn Heute läßt sich nie überholen

nur verändern.

Che Chidi Chukwumerije (04.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAGEGEN WARTE

Warum sagen wir gleichzeitig
Und nicht zeitgleichig?
Warum lieben wir uns gleichzeitig
Und nicht zeitgleichig
Gegenseitig?
Wieso nicht gegenzeitig?
Was ist die Zeit überhaupt?
Mehr als der Moment
Hat sie uns zum Weilen nicht erlaubt
Und dann uns von ihm wieder getrennt
Bis zum nächsten Moment.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRÄUMENDE DENKER

Abend. Tagesende.
Tausend Eindrücke zu verarbeiten
Keine Zeit zum Verinnerlichen
Die Kinder sind laut mit Liebe
Frech mit Freude
Unermüdlich mit Müdigkeit
Groß mit Geschichten
Feist mit Fragen
Auch sie haben tausend Eindrücke
Zu verarbeiten und keine Zeit
Sie zu verinnerlichen.

La le Lu
Nur der Mann im Mond
Hat seine Ruh.
Schneller als wir denken können
Wird die Gegenwart
Zur Vergangenheit.

Der Tag ist nicht genug
Du musst in Deinem Schlaf wach sein
Und in Deinem Traum leben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung