TAGE SIND TAUSEND JAHRE

Der Tag ist so groß,
zeiträumig so groß
Ich verliere mich ständig unterwegs
von Morgen bis Abend

Und weiß am Ende des Tages nicht mehr
wer ich am Anfang war –
Der Tag verändert den Tagträumer
Läßt unverändert den Tagversäumer

Morgenstund hatte viel im Munde
Jede weitere Stunde war mal Wunde,
mal große große Empfindungsrunde,
mal Freude,
beinhaltete immer Bewegung im Grunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR SIND DRAN

Dieser Moment
Wenn der Pfad würgt…
Wenn die Brücke
mit einem Fragezeichen im Gesicht
stehen bleibt…
Wenn heute unruhig wird, denn
es wurde noch nicht geschwängert
von Dir mit Morgen…
Wenn die Wand fällt, denn sie war eine Illusion
und dahinter… nichts steht…
Wenn Du nach Deinen Anführern und
Deinen Wegweisern suchst, aber
es steht keiner mehr vor Dir…

Dieser Moment,
Wenn Du realisierst, daß
es nun an Deiner Generation liegt,
die Zukunft der Menschheit zu bestimmen –
das nächste Kapitel einer jahrtausendelangen Geschichte
zu schreiben –
die Weiterentwicklung unserer Zivilisation zu sichern.
In diesem Moment wirst Du
zum ersten Mal richtig geboren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI SAALBURG

Wer hat hier gelebt geliebt
In Frieden im Krieg
Brunnen und Mauer gebaut
In die Augen seiner Geliebten geschaut
Gebeten, gelacht
Über die Zukunft nachgedacht
Gehofft, Freude und Angst gespürt
Das Herz seiner Mitmenschen gerührt
Und für diesen Ort sein Leben
Ohne Zögern gerne gegeben
Hier gealtert, an Gott geglaubt
und sein Körper hier zurückgelassen
als er mit Fragen in seinem Herzen starb?
Denn auch er mußte eines Tages fort?

Wo ist er heute?
Weiß er, daß ich über die Reste
seines geliebten Heimatdorfs
nachdenklich spaziere
und mich frage, was aus seinem Geist
geworden ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEGENWÄRTIG

Ich erinnere mich an Dinge
die ich nie gemacht habe
und vergesse diejenigen
die ich einst machte

Ich erinnere mich an Menschen
die ich fast, und doch nicht, küsste
und habe diejenigen längst vergessen
die ich mehrmals verschlang in der Nacht.

Ich erinnere mich an die Zukunft
die ich so sehr haben wollte
und vergesse schnell die Vergangenheit
die ich rasch durcheilte.

Und am Ende meiner Tage
stehe ich da mit leeren Händen
ohne Vergangenheit, ohne Zukunft
in einem abgelaufenen Augenblick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LETZTE CHANCE

Ich habe nie geglaubt
der Mensch lebt nur einmal –
doch was wenn das mein letztes Mal ist?

Mein letztes Mal, die Sonne zu sehen
Mein letztes Mal, Gedichte zu schreiben
Mein letztes Mal, Euch zu begegnen

Fast haben wir uns gestern gegrüßt
In der Bahn unsere Augen begegneten sich
kurz, und schauten wieder weg.

Wir bereuten es gestern.
Wir bereuen es heute.
Und wir werden es morgen noch bereuen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIERUNDZWANZIG STUNDEN

Was würde ich nicht geben, um
eine fünfundzwanzigste zu bekommen

Noch eine Stunde mit meinen Kindern
und mit meiner Frau mir gönnen

Alles, was mir die restlichen vierundzwanzig haben genommen –

Es sei: Wir holen uns jetzt DIESEN Moment
und nehmen daraus, was wir können.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN PFAD BRAUCHT NOCH ZEIT

Warte ab
Die Zukunft braucht noch eine Weile
um sich neu zu formen…
Drum, bleibe noch länger in der Gegenwart
und laß das Kommende in Ruhe gären…

Seit wann bist Du der neue Mensch, der
Du nun geworden bist?
Du hast Dich zu schnell geändert
für Dein Schicksal
Dein Pfad braucht noch Zeit, zu reagieren…

Freunde werden in den Herzen Deiner Feinde geboren
Feinde werden hinter dem Gesicht Deiner
Freunde geformt
So ist der Weg der Welt – daß
Vieles lang äußerlich ganz anders aussieht
als es innerlich tatsächlich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung