KEINE ZEIT SPÄTER

Keine Zeit später
diese Gedanken zu lesen
und nieder zu schreiben
was einst nie gewesen.

Keine Zeit später
mich zu suchen und finden
und Nicht-empfundenes
nachträglich zu empfinden.

Keine Zeit später
später Zeit zu haben
Vergangene Gegenwart aufzunehmen
als wären wir noch Knaben.

Ich habe heute keine Zeit
gestrig Versäumtes nachzuholen.
Morgen bringt neue Blumen.
Heut Verpasstes ist der Zeit gestohlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DESHALB GEDICHTE

Mir gehen die leeren Seiten aus,
auf die ich meine unzähligen Geschichten
schreiben muß, denn mein Licht geht aus.
Deshalb verdichte ich sie in Gedichten.

Mir werden die Erinnerungen mehr,
die Zeit weniger um sie nieder zu schreiben.
Irgendwann habe ich keine Zeit mehr
für Geschichten, von denen keine zurück bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH DICHTEN

Täglich dichten hat mir beigebracht,
egal wie schön der Tag war oder die Nacht,
mich zwingen zu können, Gestern zu beenden,
mich der Rätsel widmen von Heute ausgedacht,
den Empfindungen, die heute in mir trenden.

Gestern verlassen fällt mir täglich heute schwer,
bringt mir doch der Tag jeden Tag immer Mehr,
mehr von mir, und mehr von Weniger von mir,
häufig war ich zum Tagesende völlig leer
des Alten, und voll mit neuem Lebenselixier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZEITEN UMSTELLUNG

Eine Stunde geht auf Reise
Wieder die verlorene Stunde
Ein Gast ohne Heimat
dreht wieder suchend seine Runde
Unentschlossen über Haben oder Sein
Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde.

Die Zeiten verändern sich
Die Gewissheit ist in aller Munde.
Die Ungewissheit schneidet Kehlen,
spaltet Zungen, sprengt Bunde.
Während die Stunde immer näher kommt,
jede Minute, jede Sekunde.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZÖGERN

Es gibt immer einen Moment, 
wo es hätte sein können. 
Wenn einer zögert, verlieren zwei. 
Es gibt immer eine Phase:
Du unentschieden zwischen zwei Menschen. 
Wenn einem klar wird, gewinnen drei.

Und wenn der Frühling kommt,
wird der Sommer als Kind geboren.
Und erneut wiederholen sich alle vier. 
Wo warst Du,  als Du und ich 
einander trafen im Was hätte sein können? 
Denn Du warst nicht hier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung


			

WIEDER HOLUNG

Ein Tag, so kurz,
ist größer
als die meisten Menschen wissen

Mein ganzes Leben
spielt sich jeden Tag im Kreise ab
Ich erlebe es in meinem Empfinden
und Gewissen

Die fehlenden Lächeln, blicklos –
Die Vorurteile, wortlos –
Die endlose Liebe zu den unmöglichsten Menschen
und bizarrsten Dingen – und Dich
werde ich immer vermissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDERSTIMMEN

Kinderstimmen
Ein paar Stunden abends
bevor sie ins Bett verschwinden

Kinderstimmen
Ein paar Jahre eilends
bevor sie aus dem Haus ausziehen
und als Erwachsene zu sich finden

Kinderstimmen
stehend bleiben nirgends –
Dein Herz ist ein Schlafzimmer
Es war einmal ein Kinderspielzimmer –
Kannst Du des Kindes Stimme noch empfinden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT DER ERSTE DEZEMBER

Ich frage mich,
wie die Natur das immer macht,
wie die Zeit das jedes Jahr schafft,
ohne Unterlass:
schneller als ich mich verändern kann,
früher als wahrgenommen und erwartet,
der Dezember ist wieder da.

Das waren keine Monate,
die ihm vorausgegangen sind…
waren keine Jahreszeiten.
Das war mein Leben,
das gelebte und das nicht gelebte,
das tief und das oberflächlich erlebte,
und es kommt nie wieder zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAGE SIND TAUSEND JAHRE

Der Tag ist so groß,
zeiträumig so groß
Ich verliere mich ständig unterwegs
von Morgen bis Abend

Und weiß am Ende des Tages nicht mehr
wer ich am Anfang war –
Der Tag verändert den Tagträumer
Läßt unverändert den Tagversäumer

Morgenstund hatte viel im Munde
Jede weitere Stunde war mal Wunde,
mal große große Empfindungsrunde,
mal Freude,
beinhaltete immer Bewegung im Grunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung