TAG DER EINHEIT

Ist es kindisch
dem, dem ich angeblich
fremd bin, zu zu lächeln
und ehrlich zu beichten:
Wir sind alle Geschwister im Geiste
in meinem Herzen?

Ich träume von dem Tag, einmal im Jahr,
an dem für vierundzwanzig Stunden
jeder jedem sein Herz öffnet
und diese Beichte ehrlich zu läßt:
Wir sind Geschwister im Geiste
in meinem Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SOZIALE DISTANZIERUNG

Wir sind die Träger
wenn wir uns zur Verfügung stellen.
Wir sind die Erträger
wenn andere sich zur Verfügung stellen.
Das Virus sucht dringend Soldaten
und Botschafter menschlicher Art.
Die Menschheit sucht simple Heldentaten
zum größten Teil seßhafter Art:
Das Vertragen des eigenen Selbst im Privaten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DAS VERTRAUTE WIR

Das vertraute Wir
kam plötzlich aus dem Nichts
Die Botschaft jedes Gesichts:
Wir sind hier
und unser Wir ist auch Hier.

Aus Schmerz wird Stärke
Aus Schwäche wird Zusammenschluss
Aus Spaltung eine neue Zusammensetzung
Aus Vielfalt eine neue Nation
aus alten Tugenden und neuem Mut!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINMALIGE CHANCE

Leben: Mein Probetraum
Weck mich noch nicht auf
Aufgeben: Mein Grenzzaun
Halte mich auf
Ich gebe noch nicht auf

Unser Deutschland ist der Proberaum
Der Menschheit Geschichte
Ein einmaliges Grundgesetz
Im Ringkampf mit Geschichte
Entweder schreibt es einmal Geschichte
Oder es wird selbst einmal Geschichte

Tiefe Wurzeln hat ein Lebensbaum
Sichtbarere reichen kaum
Je sichtbarer sie werden
Desto instabiler der Raum
Entweder halten alle zusammen
Oder es stirbt der nächste Menschheitstraum.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ZUSAMMENZUG DER MENSCHLICHKEIT

Wie oft schon
In mahnendem Ton
Sprach ich zu meinen Kindern:

Vor Bus und Bahn
Und an Straßen entlang
Bleibet fern von den Rändern.

Vor unbeabsichtigtem
Schieben, Stolpern, Ausrutschen
Wollte ich sie schützen

Nie dächte ich
Daß absichtlich
Ein Mensch Unbekannten würd schubsen

Deines Bruders Hüter
Deiner Schwester Beschützer
Seid!, möcht ich ihnen nun zurufen.

Deines Nachbarn Wohlsein
Betrachte wie Deins
Und decke ihm seinen Rücken

Wir schließen die Lücke
Vor jeder Heimtücke
Wenn Menschen menschlich zusammenrücken

Neben dem Selbstschutz
Wandert der Nachbarschutz
Keiner kann sich selbst ganz schützen

Wenn Dunkel erwacht
Gewinnt Licht an Macht
Denn wir halten alle zusammen

Möge Gott der Mutter
Der getöteten Tochter
Beistehen – und wir auch. Amen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ROSENDUFT

Die Obdachlosen
Die Straßenrosen
Das karge Almosen –
Fühlst Du Dich abgestoßen?

Die Namenlosen
Haben Namen im Namen der Liebe
Und im Gedächtnis von Jemand
Irgendwo sind sie kein Niemand

Keiner ist niemand
In diesem, in keinem Land
Eine Rose braucht Wasser, Licht und Luft
Wir brauchen Rosenduft

Wieder so ein Abend
Zur Hälfte Freude, zur Hälfte Elend
Die Zeit, die ich vergeude, ist ein leeres Gebäude
Ohne Fenster. Nur Liebe ist wirklich hellsehend.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Es liegt bestimmt in der Luft, und ist geladen. Wie Funken springt es von Docht zu Docht und es schießt aus jedem Munde eine Flammenzunge heraus.

Wie letzte Woche, als meine Frau und unsere zwei Kinder zusammen mit ihrer aus Eritrea stammenden Freundin Tigi und deren drei Kindern in IKEA einkaufen waren. Die waren schon fertig und ruhten sich, vor der Heimfahrt, beim Imbiss hinter der Theke, da in der Nähe der Kinderspielecke, aus. Eine einst lebhafte, nun müde gewordene und trotzdem gutgelaunt gebliebene Truppe saßen an einem Tisch voller Eis, Getränke und Gebäck, Kinderstimmen und sieben Herzen.

Auf einmal stand ein Mädchen neben ihrem Tisch, ungefähr so groß wie meine Tochter aber bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Auf acht schätzt es meine Frau, die zusammen mit Tigi und den Kindern das Mädchen neugierig anschauen.

Seine hellen grün-grauen Augen sind groß, offen, direkt, ehrlich. Genau wie die Worte, die aus seinem Mund kommen. Eine Frage, an Tigi und an alle fünf Kinder gerichtet:

„Seid Ihr Flüchtlinge?“

Die zwei erwachsenen Frauen, eine deutsch, die andere eritreanisch, fahren vor Entsetzen fast aus dem Hocker. Sie glauben nicht, was sie gerade gehört haben. Ihnen versagt kurz die Sprache.

Nicht aber meiner Tochter. Überrascht schaut sie das Mädchen an und antwortet genau so offen, direkt, ehrlich:

„Nein, sind wir nicht. – – – Bist Du einer?“

Verwirrt scheint das Mädchen über die Gegenfrage zu rätseln. Schließlich schüttelt auch es den kleinen dunkel-blond gelockten Kopf, sagt Nein, gesellt sich ohne Weiteres zu den Kindern und setzt an, mit ihnen Kind zu sein.

Bis nach einer Weile seine Eltern auftauchen und es sich von dem Tisch wieder löst und zu ihnen geht…

Zurück… in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

Kurz bevor sie Richtung Ausgang verschwindet, dreht sie sich um und winkt. Die Kinder winken zurück.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

WIR MÜSSEN ZUSAMMEN HALTEN

Wir müssen zusammen halten
Denn die Stunde ist gekommen
Die Hasserfüllten wollen alle Gesellschaften spalten

Aber dies ist auch die Stunde
In der unsere Zivilisation einen Sprung macht
Nach Vorne in die nächste Runde

Unsere Werte werden überwiegen –
Die Furien sind entfesselt,
Zu wüten aber niemals zu siegen!

– Che Chidi Chukwumerije.