WIR SIND 2021

Mit Hoffnung nach Vorne gucken
Mit vorne nach Hoffnung blicken
Wenn alle zusammen nach ihr sehen
wird einer sie schon erspähen
und die anderen mit der Hoffnung anstecken
Zuversicht und Vorfreude erwecken
Mein Herz ist voll mit dem kommenden Jahr
Daß Alles immer anders kommt, das ist wahr.
Es ist wahr, daß wir selbst die Zukunft sind
Einzig das ist bereits vorbestimmt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLEDERMAUS

Egal, was du jetzt sagst
du wirst es bereuen
drum sag es geradeheraus
die Reue wird dich befreien

Wir befinden uns im Blindflug
die Empfindung navigiert,
ein Augenblick des Zögerns
und schnell bist du verführt

Doch alles was du sendest
kehrt postwendend zurück
deinen Kurs korrigierend –
keinen Zufall bei Pech und Glück

Mir fehlt sehr oft die Klarheit
die Antworten habe ich nicht
doch selbst im tiefsten Nachtflug
spüre ich stark das Licht.

– Che Chidi Chukwumerije.

Mein Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.
– Che

EIN REGNERISCHER SONNTAG

Es regnet
Grau
Ein Gedanke begegnet
Wie im Stau
Dem nächsten träge fließend
Träge grüßend

Sie flüßtert
“Schau
Nach Innen, es knistert
Hell und blau”
Meine Innere Stimme, aufmunternd
Wach überwinternd

Nicht jeden Sonntag scheint die Sonne
Und doch gibt’s Erneuerung, und Wärme

Es werde
Licht
Deines Lachens Erbe
Überwindet jedes Gewicht –
Bringe die Woche, was sie mag
Du wirst sie meistern, Tag für Tag!

– Che Chidi Chukwumerije

ANNELIESE 1927-2014

Sie war knapp 87 Jahre alt
Da lag sie, an dünnen Schläuchen verkoppelt
Aber ihre Augen sprachen mit mir
Wir wussten beide, es war das letzte Mal
Diesseits.

Ihre Enkelin, meine Frau, streichelte ihre Stirn
Ihre alte, verdorrte Hand…
Ihr Sohn, Onkel meiner Frau, scherzte mit ihr
Tapfer lächelte sie schwach, sanft…
Ich dachte nach.

Vor zwei Monaten saßen wir noch an ihrem Küchentisch
In Kleinheppach – sie, ich und meine Frau
Sprachen über Gott und die Welt.
„Soll ich dir etwas aus der Bibel vorlesen?“
Fragte ich sie jetzt. Neben dem Bettfuß lag eine.

Jetzt schmunzelte sie zart, flüsterte schwäbisch:
„Was willsch mer denn vorläse?“
Ich schlug auf, suchte kurz, fing an:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“
Und sie fing an,… zu weinen.

Ihre alte Zimmernachbarin fühlte sich gestört
Sie war noch nicht so weit –
Anneliese wollte nicht, daß wir gehen
Aber es wurde spät, sie müde – Und ich drehte mich ein letztes
Mal zu ihr, verabschiedete mich mit unserem üblichen Gruß:

Auf Wiedersehen.“

– Che Chidi Chukwumerije
Anneliese Yvonne 1

Tagebuch eines Ausländers 8: NICHT AUFGEBEN.

Es war einmal eine Taube, die mitten auf dem Fluß um ihr Leben rang. Zuerst dachten wir, das müsse sicherlich ein Entlein sein, das nach Leckerbissen fischt. Selbst aus der Ferne sah das heftig sich bewegende Wesen auf dem Wasser da zwar nicht wie ein Entlein aus, sondern eben wie eine Taube!, aber unsere kognitive Mechanismen versuchten zuerst das Gesehene umzudeuten. Eine Taube, irgendetwas stimmte bei ihr nicht. Sie schien gefangen zu sein, oder verletzt, unfähig ab zu heben, weg zu fliegen, plätscherte heftig auf der Wasseroberfläche. Die heftigen Bewegungen dauerten immer ein paar Sekunden, wild und herzzerreißend, dann setzten sie sich wieder aus, so daß noch herzzerreißendere Momente folgten, in denen wir uns fragten, ob sie tot war, dann sprang das Ringen mit dem Tod wieder zum Leben. Wir blieben stehen und schauten hilflos zu, während diese tapfere Kämpferin sich weigerte, sich ihrem Schicksal zu ergeben. „Irgendwas scheint mit ihren Flügeln nicht zu stimmen,“ sagte meine Frau. „Ich glaube nicht, daß sie es schaffen wird,“ sagte ich. Tatsächlich riss sie der Fluß träge weiter mit. Wir liefen langsam weiter. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus bei mir, um nicht zu leiden – ich hatte bereits den kurzen Schmerz des sicheren Todes der Taube verkraftet und wollte die Episode schnell hinter mir lassen. Aber bei meiner Frau regte sich das Verlangen, Leben zu retten. Sie blieb wieder stehen, schaute intensiv, schweigend rüber zu der Taube, als wolle sie ihr Kraft übermitteln. „Wenn sie es nur irgendwie schaffen würde, sich bis zum Ufer zu kämpfen…“ murmelte sie. Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Gesichtsausdruck ergriff mich. Ich blieb auch stehen, schaute ebenfalls zu und ließ den Schmerz des Geschehens wieder in mich rein. Und dann geschah genau das, das Wunderbare. Als hätte sie meine Frau verstanden, wurden die Bewegungen der Taube noch heftiger, und … langsam steuerte sie sich Richtung Ufer. „Sie kommt, sie kommt!“ rief meine Frau. Es war für mich eine Lehre aus der Hand der Schöpfung, durch meine Frau vermittelt. Ich ging runter zum Flussbett und holte die Taube aus dem Wasser. Ein Flügel hing komisch runter, nur der andere flatterte. Noch voll aufgepumpt mit Adrenalin verschwand der Vogel prompt ins Gebüsch.

– Che Chidi Chukwumerije.

VERZEHREN

Der Genuß des Lebens
Besteht für mich darin
Die Grenzen der Reize ständig auszuweiten
Die ich ohne nach zu geben
Ertragen kann.

Was läufst Du weg von mir
Und steigerst mein Empfinden?
Gefangen zwischen Mensch und Tier
Am Sehnen und am Erblinden.

Du bietest mir körperliche Nähe an
Auf daß ich deine Seele in Ruhe lasse
Aber nein – Ich weiß, was ich will.

Was ist Zeit?
Wir haben die Ewigkeit.

Und Langsamkeit.

CHE CHIDI CHUKWUMERIJE.