WIE DIE ALTEN SUNGEN

Geister gehen und kommen wieder
Wie die Strophen der Gedichte und Lieder,
Ziehen empor oder drücken nieder
Werden neu geboren und immer wieder

Wer die Geister vergangener Zeiten
Wieder treffen möchte und begleiten
Der suche nicht in vergilbten Seiten
Oder in Friedhöfen herum schreiten

Der gehe liebe in die Kindergärten
In die Schulen, Schulhöfe und Fährten
Da wo erzogen wird in Neuen hehren Werten
Findet man manchmal auch zurückgekehrten.

Jede ausgestorbene Denkensgeneration
Überspringt die 1. oder 2. Folgegeneration
Dann häufig ohne verinnerlichte Lebenslektion
Feiert unverändert ihre neue Reinkarnation.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLUCHT VOR FLUCHT

Flucht, vor Einsamkeit.
Einsam, vor Flucht.

Flucht, vor Anfeindung.
Angefeindet, wegen Flucht.

Flucht, vor Hoffnungslosigkeit.
Hoffnungslos, vor Flucht.

Flucht, vor Tod.
Tot, wegen Flucht.

Flucht, vor Überfremdung
Flucht, in die Fremdenfeindlichkeit
Verfremdet, wegen Flucht
Teufelskreis der Geschichte, verflucht!

Der Fluch ist die Frucht der Flucht
Vertrieben, in die Flucht
Menschheit, nein Menschlichkeit, flüchtet
Und keiner fühlt sich Zuhause mehr.

Ich bin Flüchtling
Du bist Flüchtling
Getrieben, gegen die Flucht
Wir sind die Frucht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GET USED TO BLACK

Black is not a fad, and not a trend –
It was here first & it is here to stay ‘til the end.

– Che Chidi Chukwumerije

ES WAR EINMAL EIN LÄCHELN

Es war einmal ein Lächeln
Ungeschützte Fackel im Sturm
Tapfer lächelnd dennoch, warm.

Der erste, der auf es schoss
War wegen seiner Andersart erbost
Schloss das Herz vor Gewissen, Schmerz.

Die zweite, die schoss aus Rache
Denn sie rief es mit einem Locklachen
Es erwiderte, wich, mit nem Lächeln zurück.

Die nächsten, die hassten das Lächeln
Einfach so. Liebten nur Macht.
Lächeln war gedacht als Machtspielchen

Locklächeln als Mittel zum Endziel
Auch der Hass kann lächeln, kalt und viel
Der Griff ist kalt. Der Topf wut-heiß.

Doch alle unterschätzen das Lächeln
Das echte, starke, warme, menschliche.
Letztes Lebenszeichen der Geistesfackel

Es wird sich diesmal wehren.
Als letzter Überlebender Gestern‘s Lehren
Wird es anstecken, und sich vermehren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ICH-GRENZE

Die Ich-Sonne
Im Zentrum des Ich-Sonnensystems
In mitten der Ich-Galaxie
Im Herzen des Ich-Universums

Diese Ich-Sterne
Mit nach Intern gerichteter Schwerkraft
Verbiegen die Aussicht aufs Externe
Beziehen alles auf die eigene Eigenschaft

Es fällt ihnen schwer
Zu begreifen, zu akzeptieren, zu glauben,
Daß manche Menschen einfach mehr
Können, als sie selber vermögen.

Ich-All
Ist nimmer Licht-All.
Ergo: Egotrip, der Ich-Knall
Ist eher Dimmer des Licht-Alls,
Et al, et al.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WUNDENFLUSS

Wunden leben lang
Länger als mehrere Erdenleben
Länger als der Hang
Der verursachte das Seelenbeben
Länger als sie sichtbar sind
Länger als sie äußerlich richtbar sind
Langanhaltend wie Schwanengesang.

Ein Wundenfluss
Legt einen langen Weg zurück
Suchend Abschluss
Über Leben und unter Brück‘
Zurückbringend, was er gewonnen hat
Denn da, wo er begonnen hat
Ist auch dort, wo er enden muss.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIE WERDEN IHRE EIGENEN ERINNERUNGEN HABEN

Sie werden ihre eigenen
Erinnerungen haben.
Meine Kinder sind Kinder ihrer Zeit,
Ich war nur die Brücke
Wie mein Vater seinerzeit
Oben auf der Brücke stand und winkte
Und ich winkte zurück und ich ging weiter

Wie mein Vater durch meine,
Sehe ich heute durch ihre Augen Dinge
Die ich als Kind niemals sah
In einer anderen, verschwundenen, Welt
Und wie er denke auch ich nach und
Frage mich: Was geschieht tatsächlich
Innerlich in meinen wachsenden Kindern?

Nach dem ich weg bin
Und wieder weiter gezogen
Was werden ihre Erinnerungen sein?
Erinnerungen an die Kindheit,
Hort zartester Empfindungen, Nostalgie
Schmerz und Freude, Kraft und Hoffnung
Und Geheimnisse und ungelösten Fragen.

Und ich werde da sein
In ihren Erinnerungen,
Ihre liebe Mutter auch und eine Zeit
Und eine Welt, die es so nur dort gibt
In ihren Erinnerungen, teils Märchen,
Teils wirklicher, stärker und lebendiger als
Alles, was ihre Zukunft bringen wird.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEAVEN

To serve God, humbly and quietly
Without pomp and pageantry
Is Heaven.

Modestly and consistently,
With conviction, gratefully.
Expecting no reward,
No recognition, no award –

Because the joy of service
Is reward enough –

Is Heaven.

Che Chidi Chukwumerije

LÜCKE

Wenn Du auf Schmerz wartest
Und er kommt nicht, wie ein untreuer
Freund und reuelos, wiederholt lässt
Er Dich im Stich, was bleibt übrig als
Lückenfüller und Ersatz?

Wie viele unfreundliche Blicke
Verletzten Dich heute? Wann hat es
Aufgehört, weh zu tun? Lebst Du
Noch? Wann bist Du gestorben? Wo
Findest Du Deinen Platz?

Wie viele freundliche Blicke
Überraschten Dich heute? Schwerer
Deutbar als die, die Dich beim Anblick
Ablehnen, sind die, die behaupten,
Du wärest ihr Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung