SOMMERTAG IM JULI

Sonne und Wolken spielen Fangen
Sommersonne und Regenwolken
Blaue Himmelstücke, unbefangen –
Der Tag wird seiner Schätze gemolken.

Ich trage dieses Bild mit mir
In den Abend und in die Nacht –
Für immer jetzt und für immer hier
Jeder Moment, in dem meine Empfindung lacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RECYCLING

Geister
Generationen
Kommen
Gehen
Kommen wieder

Die selben Absichtsträger
wie ein Maulwurf
wie ein springender Ball
kehren immer wieder
auf die Erdoberfläche zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TAG DER EINHEIT

Ist es kindisch
dem, dem ich angeblich
fremd bin, zu zu lächeln
und ehrlich zu beichten:
Wir sind alle Geschwister im Geiste
in meinem Herzen?

Ich träume von dem Tag, einmal im Jahr,
an dem für vierundzwanzig Stunden
jeder jedem sein Herz öffnet
und diese Beichte ehrlich zu läßt:
Wir sind Geschwister im Geiste
in meinem Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE NACHBEWUNDERUNG

Ich wachte früh auf
Es war noch nicht die dritte Uhr
Und ich wartete auf den Moment
des Anbruchs der Morgendämmerung
um ihn heute zu fangen…

Ich blieb lange wach – und war wach
und beobachtete aufmerksam
mit Augen und Ohren und Nase
mit Haut und allem, was dahinter wohnt
– und bemerkte ihn nicht anfangen…

Nach einer Weile fiel mir auf
daß es schon seit einer Weile heller geworden war
und daß ich schon seit einer Weile
das leise Zwitschern ferner Vögel
unbewußt hab empfangen…

Der Tag, wie der erste Tag, kam zuerst
und erst danach mein Bewusstsein von ihm
Wie das Wunder vor seiner Bewunderung
kam zuerst das ewig sich wiederholende Ist
und ich bin ewig in dem Danach gefangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MORGENDLICHER REGENGESANG

Der Regen hat angefangen
zu trommeln
und beim Trommeln tanzt er

Morgendliche Tanzschritte
führen meine Ohren aus der Mitte
meines Traums
bis ans Fenster meines Schlafraums
hinter dem Vorhang
Regengesang.

Und als der Regen die Erde leckte
stieg der Geruch der Erde und er weckte
irgendwo in der Nachbarschaft
eine leise Stimme mit sanfter Kraft
Regnerische Morgenritte
Lauter werdend „ja, bitte, bitte…!“

Die Brise hat angefangen
zu atmen
und beim Atmen seufzt sie und flüstert mit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN KURZER MOMENT DER KLARHEIT

Immer wieder versuche ich
in den Kopf des 15-jährigen
hinein zu gelangen, der ich einst war
denn er hat die ganze Welt
mit einer Klarheit durchblickt und verstanden
die mir abhanden gekommen ist.

Er wusste, wer er war und was er wollte
Er wusste, was er mußte.
Er wusste, daß das, was er wusste, richtig war
Und er versuchte, vergebens, alles fest zu halten
Denn er wusste, er würde es einst vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNENWELTEN

Eine Blume ohne Garten
Kann nur im Herzen als Spiegelbild blühen
Mancher Arten Gleicharten
Suchen vergebens, die auf Erden wühlen
Etwas in Dir wider Erwarten
Ist Deiner Nation und Deiner Rasse und Deinen Schulen
Und Deiner Religion und Allem fremd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ORDNUNG

Die Schranken fallen
Endlich Freiheit
Das Wahre in jedem, es tritt vor
Unterdrückung, dachten wir, war die Hölle
Doch die Freiheit ist selbst die grenzenlose Hölle

Gefangen und verloren in der Freiheit
Wir finden keinen Weg zurück
Zurück zu den Ketten
Die Ketten, die uns besser kannten, als wir uns selbst
Die Ketten, in denen wir frei waren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHÖPFEN

Durch Dich dämmert es mir
Was das ist – Weiblichkeit.
Ich schöpfe und schöpfe aus Dir
Wie aus einer Quelle zur Unendlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VOLL ODER LEER

Wenn Du zufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Wenn Du unzufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung