UNGENOMMENE HERZEN

Herzen. Sie hängen schwer beladen
wie längst reife Früchte vom Baume der Gefühle runter,
sehnen sich brennend danach,
genommen und verzehrt zu werden…

Doch nicht alle Herzen werden genommen.
Manche werden schwerer und schwerer,
fallen zu Boden und werden Teil der Sehnsucht,
die die Welt immer mehr verzehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERBORGENE SAITEN

Meine Gitarre
singt mir lautlose Lieder
jede Nacht

Trost für den harten Tag
Träume für die weite Nacht
Erinnerungen für morgen
Lautlose Grüße von mir zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKDOWN

Wie die Augenlider eines müden Wesens
schließt ein Laden nach dem anderen
bis das ganze Land eingeschlafen ist und
durch Mund und Nase nur noch gedämpft schnarcht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN ALS FALLTÜRE

Ich begab mich auf die Suche
nach dem Gedanken,
der mich so traurig stimmte eben…
doch ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern –
So schnell wie er kam, verschwand er wieder
Hinterließ nur diese Traurigkeit.

Aber als ich weiter fahndete
fand ich einen anderen Gedanken
der in mir eine Vorahnung tiefer Freude auslöste
Ich flog und flog, vergaß die Traurigkeit…
bis ich wieder zu mir kam und erneut
nach dem Freude auslösenden Gedanken griff…

Doch auch er war weg. Vergessen.
Zurück geblieben ist nur die Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NACHTMUND

Lärm.
Der Baum hört seine Gedanken, seine Blätter, nicht mehr.
Lärm.
Das Herz hört das Rauschen seines Botschafters, seines Blutes,
nicht mehr.
Denn die Nacht ist angebrochen.
Mit ihren Millionen Stimmen der Dunkelheit.
Der Mund ist aufgegangen –
Im Märchenwald hört man‘s klarer.
Augen zu. Gute Nacht.
Und morgen alles wieder vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE STURM

Nach dem Sturm
Kommt der innere Sturm
Ich finde immer noch keine Ruhe

Kein Zufluchtsort
Ist Hort genug. Ich muß fort.
Es lebe die Unruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUM TEUFEL

Und der Teufel brach der Welt die Brust auf
Und riß ihr das Herz aus ihrem Schreihals raus
Und fraß es blutend vor unseren Tränen auf
Und wir haben mit unseren Fingern ihm die Zunge abgeleckt
Und es hat uns zutiefst geschmeckt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGST

Was verbindet die Welt?
Schmerz oder Liebe oder Gleichgültigkeit?
Schmerz, weil wir einsam sind.
Gleichgültigkeit, weil wir Angst
vor unserem ewigen Liebeskummer haben.
Eine innere Stimme flüstert:
Und die Hoffnung?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNGESCHRIEBENE SCHWINDET WIEDER

Seit zwölf Stunden versuche ich
mich an den Gedanken von gestern Abend
zu erinnern…

Ich habe eine Demo vorbereitet
Ich habe marschiert
Ich habe mich ausgeruht und
Komputerspiele gespielt

Ich bin nun wieder in meinen Kopf eingekehrt
aufgeregt und voller Hoffnung
um die Ecke in mein Gedächtnis hineingeblickt

Doch immer noch fehlt er,
ganz, wie ein Geist –
der schöne tiefe Gedanke von gestern Abend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEULAND

In den Brillen meiner Mitmenschen
erkenne ich, täglich,
daß ich noch Neuland betrete –
Lange nach dem ich Fuß fasste.

Der überraschte Blick überrascht mich
Der irritierte Blick motiviert mich
Der verwirrte Blick ist klarer als gedacht
Klarer noch als der böswillige Blick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung