VERTRAUENSLÜCKE

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du eine andere Hautfarbe hast,
eine, auf der die Geschichte meiner Entmenschlichung
mit unsichtbarer Tinte geschrieben ist.

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du einer fremden Religion folgst,
eine, in deren Regelwerk Du und ich
im Paradies niemals uns treffen werden.

Ich würde Dir gerne vertrauen,
obwohl Du eine andere Art bist wie ich,
eine, die ich nicht ganz verstehe
und die mich nicht ganz begreift.

Du, ich würde Dir gerne vertrauen,
weil wir beide Menschen sind
und im selben Zeitraum diese Welt bereisen,
wie die verschiedenen Teile eines Puzzles.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIE

Ihr seid mir Anker

Ohne Ruder kam ich an
und konnte nicht anlegen
Steuerlos drohte ich,
weiter zu driften,
heimatlos…

Dann kamt Ihr
aus der Tiefe meiner Sehnsucht
stiegt Ihr aus

Und wurdet mir Anker
hier an diesem Ufer
hier in diesem Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELSPIEL

Als ich jung war,
war ich älter als meine Generation
Jetzt wo ich älter bin,
bin ich jünger als meine Generation

Es fühlte sich richtig an
Und es fühlt sich richtig an

Als ich im Paradies lag,
sehnte ich mich nach der Erde Staub
Jetzt wo ich auf dem Boden der Tatsachen stehe,
sehne ich mich nach dem Paradies.

Das ist unser Geheimnis: Deine Tränen ziehen
mich an und jagen mich wieder fort.
Dein Lächeln läßt mich kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTENGENERATIONEN

Erste-Generation-Eltern
gebären Erste-Generation-Kinder
Und diese wiederum Erste-Generation-Kinder

Es dauert lang,
bis die zweite Generation
auf eine erste folgt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSOZIALE MEDIEN

Wir kaufen Ihre Vergangenheit
Dir ab,
nur die Schulden musst Du selbst zurückzahlen,
wenn Du einst desorientiert in die Welt blickst
und nicht mehr weißt, wer Du bist.

Die vielen Follower sind ein fragmentiertes Bild –
Je kleiner Deine Teile werden, desto mehr
werden Deine Teilhaber. Weiter teilen
und weiter vermehren, bis Du verschwindest –

Versehrt.
Verzehrt.
Verwirrt und verkehrt.
Hauptsache vermehrt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IDENTITÄT

Wenn Du nirgendwo Zuhause findest
weder Zuhause noch in der Fremde –
Und alles, was Dich mit Menschen einigt,
Dich von ihnen trennt;
Und alles, was Dich von Menschen trennt,
Dich mit ihnen verbindet;
– begreifst Du warum es so aussieht,
als würde die Sonne im Winter frieren
und im Sommer schwitzen…
Weil Du bist alle Wege sehnend mitgegangen,
doch Dein Geist blieb immer im selben Innenraum
Unberührt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ ALS SCHMERZMITTEL

Ich vermisse Dich
so sehr, daß
die Sehnsucht mir genügt
Sie ernährt mich Tag und Nacht
so daß die Wunde Deiner Abwesenheit
längst geheilt wurde durch meine
immer anwesende Sehnsucht nach Dir.

Stell Dir vor,
ein Tag ginge vorbei, in dem
ich an Dich kein einziges Mal dachte…
Das wäre wahrlich der traurigste Tag meines Lebens
schlimmer noch als Deine Abwesenheit
schlimmer noch als mein Schmerz
schlimmer noch als Dein Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFÄLTIG

Alles, was eine Weltstadt verträgt:
Alles, was sie nicht versteht,
verträgt sie. Alles, was ihren Boden belegt,
erregt sie, bewegt sie.
Selbst mich –
und das überrascht mich –
selbst ich finde in mitten des vielfältigen Fremden
etwas heimatliches und gleichartiges
und das überrascht mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDÄCHTNIS

Vom Charakter her passen sie zu einander
Aber Geschichte und ihre Erinnerungen davon
trennen sie von einander –
machen es ihnen schwer,
auf einander zuzugehen

Könnte nur jemand Ihr Gedächtnis löschen,
wären sie sofort beste Freunde.

Das muss das Leben gedacht haben
und ließ sie sterben und wiederkommen –
Jetzt sind sie Mann und Frau,
aneinander gebunden mit einer Liebe
stärker als Hass und Schmerz und Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung