DIE LANGE REISE

Wichtiger als der Ort
an dem Du lebst, ist
der Ort, der in Dir lebt.

Die meisten Migranten
kommen niemals an -
Wer hat das noch nicht erlebt?:

Du besuchst einen Einwanderer
Zuhause, findest dort eine Hülle
dessen Geist noch auf dem Weg klebt.

Und sie warten und warten
auf die Familienzusammenführung
mit sich selbst. Unvollendete Reime.

Fahrzeuge, Boote, Flugzeuge
sind alle viel zu schnell -
Ans Ziel bringen Dich alleine
Deine eigenen Beine.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE DISTANZ IN DER NÄHE

Ein guter Gedanke,
wenn er sich auf den Weg macht
in der Welt der Gedanken, kommt er weit?
Oder wird er erdrosselt und totgeschlagen
noch bevor er den nächsten Menschen erreicht?
Die unsichtbare Welt ist ein Friedhof,
wo vieles lautlos stirbt und begraben wird,
bevor es Dir überhaupt einfällt.
Stell Dir ein Zimmer voller Menschen vor
alle dicht nebeneinander stehend
doch weder Worte noch Gedanken schaffen es
die Distanz in der Nähe zwischen uns
zu überwinden
und den Frieden trotz der kriegerischen Gedanken
als den besseren Weg zu empfinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREIBSTOFF

Lasst den fossilen Stoff
in seinem Grab
Geister richten nur Schaden an
wenn sie unter uns treiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN HAFEN NAMENS ABEND

Dieser See
in dem wir täglich beinahe ertrinken
schwere Umarmung, mit Verzweiflung ringen

Hoffnungslosigkeit
in die wir täglich hinein sinken
uns, selbst und gegenseitig, fast umbringen

Der Abend
sieht uns aus der Ferne verzweifelt winken
flüstert täglich dem Tage zu: gutes Gelingen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFANGENE UNSERER GEDANKEN

Kam schonmal zu Dir der Gedanke,
daß unsere Gedanken
uns manchmal beobachten,
ähnlich wie wir im Zoo die Tiere beobachten
in ihren Käfigen?

Eben dieser Gedanke
gesellte sich heute zu meinen Gedanken
und fing an, mich zu beobachten.
Ähnlich wie wir im Zoo Tiere beobachten
in ihren Käfigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÄTSEL: ANGST

Die Angst ist ein Rätsel.
Wer sie nicht hat,
kann sie schwer kriegen.
Wer sie hat,
kann sie schwer besiegen.
Eine unsichtbare Fessel.
Wie man sie bekommt,
das kann keiner wirklich sagen.
Warum kann der eine, und
der andere nicht, den Mut wagen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU NEHMEND

Noch einmal
Denn einmal
Ist nicht genug

Der Mond kommt
immer und immer
wieder zur Nacht

Mit der Nacht
In der Nacht
Davor und danach

Wiederholung
Wieder Erholung
Wiederholung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBEDARF

Die Nacht hat einen großen Bedarf
Ich bin gefühlt ihr zweites Selbst
Sie will mich schlucken, ganz
Ich will sie überwinden wie Distanz
Sie ist gefüllt mein zweites Selbst
Voll mit allem, was ich nur nachts darf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTRUHE

Ich mag ruhige Abende
an denen meine innigsten Gedanken
es sich aus ihrem Versteck wagen.
Heute Nacht werde ich erneut tanken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HABEN OHNE SEIN

Du darfst aus meiner Kultur schöpfen
Daraus was Neues machen
Ich werde aus Deiner Kultur Sachen schöpfen
die alt waren, ich werde sie neu machen.

Nicht die Kulturen bilden die Trennlinien
sondern die Ansichten, die behaupten
es gäbe zwischen uns unüberquerbare Linien -
Alle Andersdenkenden tun sie enthaupten.

Ist es so schwer, leicht zu sein?
Ist es so leicht, schwer zu sein?
Besteht unser Sein nur aus Haben
ist alles, was wir haben, nur schweres leeres Sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung