ZUHÖREN

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Schweigen,
nach einem großen randlosen Schweigen
ohne das Geräusch von Mensch oder Technik,
von Tieren oder Elementen oder Gedanken.
Ein Schweigen so tief, daß ich in seinen Armen
meine allererste, älteste, ur-sprüngliche
Empfindung wieder vernehme,
aus der ich gesprungen bin,
aus der ich geworden bin.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERANFANG

Sommeranfang
Freudenschaum
Impulsandrang
Blütentraum
Farbengesang
Erlebnisbaum
Wonnenaufgang
Hemmungen kaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES KIPPT LANGSAM

Das Gesprächsklima ist rauher geworden,‌
Es verdirbt uns unsere feinere Natur -
Wenn dieser Klimawandel vollzogen ist,
bleiben Krieg und Konflikt die altneue Kultur?

Weniger wird mehr
Mehr wird weniger
Irgendwann kippt die Stimmung ganz
Die Zukunft wird nebliger.

Che Chidi Chukwumerije
im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZWISCHEN ÖSTERREICH UND DEUTSCHLAND

Ich mache seit drei Maitagen
Urlaub in den Bergen in Österreich
und wieder spüre ich nebenbei wie immer:
wo Deutschland hart ist, ist Österreich weich,

wo Österreich schwer ist, ist Deutschland leicht.
Hier bin ich den Deutschen fern,
doch in anderer Hinsicht dem Deutschen nah.
Aus sichtbarem Fleisch und unsichtbarem Kern

besteht die Frucht der Eigenart der Sehnsucht.
Was brodelt in diesem Drang nach Mehr?
Mehr Heimat doch mehr Fremde und mehr
von dem Pendeln da zwischen hin und her

wie Schaukeln zwischen Polen des Verlangens,
Widerhall zwischen Herz und Hand,
Ferngespräche zwischen Südbergen und Nordseen, 
Autofahrten zwischen Österreich und Deutschland.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE FILTER

Zeig mir Dein Gesicht
ohne Filter.
Der wärmste Filter
ist trotzdem kälter.

Je sanfter, weicher, glatter,
desto rauher und älter.
Je glänzender, desto matter,
je perfekter, desto entstellter.

Zeig mir das Unvollkommene in Dir,
Du und ich wissen ganz genau:
Das ist das Perfekteste in Dir.
Das Echte ist das Beste an einer Frau.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN EINES BERGES

Manche spüren Gedanken,
wie andere lärmige Stimmen hören
und andere chaotische Scharen beobachten

Wie manche Hände auf ihrer Haut fühlen
oder Gerüche in einer Menschenmenge wahrnehmen,
spüren ein paar Menschen Gedanken

Einige Gedanken schmecken dem Feinschmecker,
viele nicht, Gewicht auf leisem Gemüt,
aber sie werden - wie der Wind - vergehen.

Laut sind heute Abend der Alpenwind,
die frohen Menschen am Nachbartisch
und meine suchenden Gedanken.

Nur die Berge schweigen. Die uralten.
Denn je mehr Wissen und Erinnerungen Du hast,
desto mehr schweigst Du.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

URSPRACHE

Kommt in meine Arme.
Ihr ferne Alpen,
Ihr seid mächtig genug für mein Herz -
Denn es ist zu groß, zu breit, zu tief geworden
Und ich verstehe es nicht mehr.

Doch Ihr da vorne,
ausgestreckt und ausgedehnt
wie die Wellenbewegung eines Weltmeeres,
von einem Riesen in Stein verwandelt,
Ihr sprecht die Ursprache meines Herzens.

Rauh und zerklüftet
Alt mit einer unbekannten Geschichte
Deshalb, kommt in meine Arme
Ihr schöne Alpen
und liebet mich zurück.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIFFERENT

To be vulnerable is to be honest.
To be honest is to be vulnerable.
To be different is to be vulnerable to be honest.
To be different is to be honest to be vulnerable.
It is a strange place to be everytime
No matter how many times you go there.
Each time it feels different.
It requires bravery everytime.
Even when you‘re familiar with it
Still you never get used to it.
Because it is different. Everytime.

Che Chidi Chukwumerije

SCHIEFLAGE

Alle diese Unglücklichen werden die Wahrheit aufspüren.
Alle diese Lügen werden Unruhe schüren.
All diese Unterdrückung mündet irgendwann ins Aufrühren. 
Alle diese Aggressionen machen nicht Halt an unseren Haustüren.
Alle diese Waffen werden zum Kriege führen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BE-SUCHT UNS IN DER ZUKUNFT

 Wie viele Häute wie eine Schlange
hat unsere Liebe schon abgeworfen?
Die einen suchen uns in der Vergangenheit,
im Gestern,
dort finden sie unzählige, tote, Muster.
Die anderen untersuchen die Gegenwart,
das Heute,
sehen eine immer-wiedergeborene
lebendige und wendige Schlange.
Aber wir, wir leben nach wie vor
in der Zukunft. 
Im Morgen solltet Ihr versuchen, 
das Rätsel zu lösen. 

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung