EIN FREUNDLICHER GRUSS

Manchmal schleppst Du eine Wut
jahrelang mit Dir herum in Deiner Brust -
Du merkst es allein dadurch,
daß Du immer leise sprichst, unbewusst.

Die Wut, die Du gewaltsam unterdrückst,
verwandelt sich in unstillbare Lust,
die, weil sie trotz Ausleben unersättlich bleibt,
sich wiederum verwandelt in wachsenden Frust.

Und so begegnen wir uns täglich,
im Zug, im Bus, bei der Arbeit, in der Freizeit,
Millionen Ventilsucher, gebundene Gewitter,
getrennt durch ein Gruß von Eintracht oder Streit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE GLÜCKSFALLE

Ob Ihr es je verstehet,
Ihr, die mich jetzt zum ersten Mal sehet,
wie offen einst ich war,
jedes Wort wahr, meine Seele ein See glasklar.

So offen, so vertrauend, so ehrlich,
Ich erinnere mich, meine Mutter fürchtete sich
für mich und sagte mir sorgenvoll endlich:
Sohn… diese Welt… schütze Dich.

Und als die Schläge kamen, langsam
lernte ich, Vorsicht sei tatsächlich ratsam-
Doch mit Vorsicht kamen Masken und Mistrauen;
Gift, denn meine Stärke kam eben vom Vertrauen.

Jetzt lebt jeder lang und sicher und unglücklich
in seinem Käfig und fragt sich nachdenklich,
ob es doch nicht ratsamer ist,
ungeschützt und offen zu leben, egal die Frist.

Gerne würde ich das Gedicht hier beenden,
liesse das Glück ohne Schutz sich wirklich fänden..
Tut es aber nicht, das wissen wir alle -
Der Weg zum Glück birgt in sich diese Falle.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEIMATSPRACHE

Deutsch ist mir eine Fremdsprache
Und ich bin in Deutschland ein Fremder
Fremde sprechen Fremdsprachen
Sonst blieben sie in der Fremde Zuhause
Und das Fremde in ihnen käme nie zur Aussprache.

Es war einmal eine Fremdsprache
Sie begab sich auf Wanderung und in allen,
die sie traf, weckte sie und lockte sie
aus ihren verborgenen Seelenwinkeln
Fremdes hervor und ließ sie einsam zurück.

Einsam und seltsam und neu
in einer Welt mit mehr Fremd- als Muttersprachen.
Je mehr wir teilen, desto fremder werden wir.
Je fremder wir werden, desto vertrauter
kommen wir uns gegenseitig als Menschen vor.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGENDLICHES GEWITTER

Der geladene Himmel, schwül und hitzig,
er hat es eilig heute Morgen -
Wer kennt denn das nicht?

Laut grunzend und stöhnend
stürzt er sich auf die Erde,
nimmt sie schnell und stürmisch in Besitz.

Morgens ist sie ehe schon feucht.
Das macht die Nacht mit ihr -
Sie ist bereit für des Himmels volles Gewicht.

Er leert sich in einem kurzen heftigen Guss -
Wetterpoetisch nennen wir das einen
regnerischen Morgen mit Donner und Blitz.

Jetzt fallen nur noch die letzten Tropfen,
die Hitze weicht einer weichen Brise,
während die Vogelwelt ins Singen ausbricht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES GIBT KEINE NEUEN MENSCHEN

Es gibt keine neuen Menschen
Es gibt nur die alten
Seit langem traf ich keine neue Frau
keinen neuen Mann mehr
und fand nie wieder einen neuen Freund.
Es waren nur und immer die selben alten
die ich seit Jahren kenne,
in anderen Körpern, Gesichtern, Namen.

Es gibt keinen neuen mich;
such nicht nach ihm, nicht in mir -
finden wirst Du jedes Mal
am Ende nur den selben alten.
Es gibt keine neuen Jahreszeiten.
Zeit und Veränderung in Dauerschleife
zaubern immer wieder auf die Oberfläche neu
das alte, manchmal uralte, Ich hervor.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KUNST DER WANDLUNG

Kann ein Künstler Politiker sein?
Kann ein Regenbogen aus nur einer Farbe sein?
Aus dem Perspektiv der Zukunft gesehen,
welche der Beiden hat sie hervorgebracht?
Liegt in Politik oder Kunst die (Um)Gestaltungsmacht?

Was hat den Menschen je wirklich verwandelt?
In der Art, wie er empfindet, wie er handelt.
Staatsformen oder die schöpferische Kunst?
Das Herz, das Herz, wer kann es erreichen?
Nur der kann es lenken, stärken, aufweichen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUSEINANDER

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,
denn ich bin bereits unterwegs;
Ein Pendel zwischen Dur und Moll,
jenseits fast jedes Landungsstegs

Von den Fremden trennt mich mein Äußeres:
Vier Merkmale wie vier Fahnen an vier Ecken.
Von den Meinen trennt mich mein Inneres -
nicht mal mein Schweigen kann es verstecken.

Unsere Art und Weise des Miteinanders
ist ein Füreinander gegen einander.
Frieden ist ein Verschieben des Kriegs auf Wannanders;
Unsere Expansion ineinander pendelt auseinander.

Und ich frage mich, wie lange noch
die Gedichte in Hoffnung sich wenden werden;
Wie tief hinein geht es ins Loch,
bis die Strophen für immer enden werden.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM VERTRAUEN

Es ist erstaunlich
wie viele Seiten, Innenseiten,
wie viele Schichten,
geschweige denn Geschichten,
verschwiegene Geschichten,
wie viele andere Menschen
ein einziger Mensch unter seiner Oberfläche
Dir heimlich und eifrig zeigen wird,
nur weil Du seine innerste innigste Wunde
linder behandeltest und zart bandagiertest
ohne ihn zu brechen.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNTERBELICHTUNG

Überbelichtung.
Die ganze Welt wohnt im Netz
Minus die ganze Welt

Ich suche nach dem passenden Filter
um die Mitmenschen auf der Straße
klarer zu sehen. Verdunkelt. Erhellt.

Doch sie sind zu wie Bücher
Und zugänglich wie Bücher
Anders ehrlich, anders verstellt.

Wer ist der echte Mensch? Analog
Oder digital? - Es kommt darauf an
Welche Maske, Dir besser gefällt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHNELL VERSCHWINDENDER FRIEDEN

Drohungen machen die Musik
in letzter Zeit
Der Ton ist nebensächlich -
Ein Wort und alle wissen Bescheid,
was gemeint ist.

Alle fühlen sich bedroht
durch die freien Entscheidungen anderer -
Fratzen sind Lächeln plötzlich verroht.
Frieden ist eine Maske, ein Wanderer,
ein Verführer, eine List.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung