TREFFPUNKT: ZAUBER

Wo bist Du, Einwanderer?
Bist Du wirklich hier?
Oder bist Du noch dort,
wo Du hierher gekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wo bist Du Auswanderer?
Haben die es dort kapiert,
wenn Du mit ihnen redest und lachst,
daß Du noch nicht angekommen bist?
Denn keiner kommt wirklich an. Niemals.

Wie schön der Sonnenaufunduntergang
Magisch der Staffellauf der Jahreszeiten
Da spricht ein Geist, den Ihr so versteht
und ich anders - doch eines ist gleich:
Wir sind beide gleichsam verzaubert.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Che unter erwachenden Baum am Main. März 2022.

GESPRÄCH ZWISCHEN FRÜHLING UND WINTER

Was hast Du gestern der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Dein Schnee ist geschmolzen
Dein Eis ist aufgetaut
Von Dir ist nichts übrig geblieben.

Ich habe vertiefte Seelen hinterlassen
Habe Träume aus ihrem Schlaf geweckt
Habe aus Lieben und Hassen
Empfindungen in Herzen tief versteckt
die aus meinem Eis Deine Flüsse gebaren,
Deine Schuhe.

Was kann ich morgen der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Meine Blumen werden lang leben
doch selbst sie werden welken -
Meine langen Tage werden kürzer werden.

Kann das Lachen je verlernt werden,
mit dem Du Herzen anstecken wirst?
Du bist der Anfang aller alten Erden
und aller neuen, die Du noch erwecken wirst -
und aus Deinen Flüssen wird einst mein Eis,
mein Ruhe.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Pic: Beats_Beats/Pixabay

ZEITEN UMSTELLUNG

Eine Stunde geht auf Reise
Wieder die verlorene Stunde
Ein Gast ohne Heimat
dreht wieder suchend seine Runde
Unentschlossen über Haben oder Sein
Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde.

Die Zeiten verändern sich
Die Gewissheit ist in aller Munde.
Die Ungewissheit schneidet Kehlen,
spaltet Zungen, sprengt Bunde.
Während die Stunde immer näher kommt,
jede Minute, jede Sekunde.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRÜHLINGS BLUMEN

Sie kommen…
Wie Reisende aus einer anderen Welt
Besucher aus einer anderen Zeit
Breiten sich aus über Flur und Feld
Und verleihen ihnen ein neues Kleid

Sie kommen…
Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus
Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts
Drängen ungeduldig in die Welt hinaus
Und in mein Herz hinein leichten Gewichts

Sie kommen…
Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell,
Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt -
Naturfarben, schöner als Pastell,
In Blume und Baum und Halm und Blatt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung



Fotos: Che Chidi Chukwumerije

MACH WAS FÜRS KLIMA

Wie viel Politik kann die Politik verändern?
Erstaunlich wenig ohne Menschen.
Wie viel Welt kann die Welt bewältigen?
Nicht mal ein Dorf ohne den Menschen.
Der Mensch wie der Morgen
ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft;
wie der Senfkorn klein in seiner Herkunft,
groß bei seiner Ankunft;
wie die Nacht, zur Hälfte Tag; wie der Tag, zur Hälfte Nacht;
Wie viel Erde kann der Mensch schützen?
Wie viel Klima kann der Mensch stützen?
Er wird‘s nicht wissen, bis er etwas macht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT

Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.

Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.

Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.

Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LACHEN DEINES HERZENS

Manchmal läufst Du viele Meilen,
an vielen allein laufenden Menschen vorbei,
und bist gefühlt immer noch allein.

Manchmal singst Du viele Lieder,
in mitten vieler schweigender Menschen,
und hörst immer noch keinen mitsingen.

Manchmal liebst Du viele Menschen,
überlässt jedem ein Stück von Dir
und bekommst nichts Greifbares zurück.

Dennoch lachst Du morgen wieder,
denn das Lachen Deines Herzens
ist das einzige, was Dich noch am Leben hält.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERLEBNISFENSTER

Wo soll ich beginnen?
Mit Machen oder mit Sinnen?
Kein Ende will ich meinen Präferenzen -
kein Abebben meinen Potenzen -
doch alles Erleben hat seine Grenzen.

Ist kurz das Erdenleben?
Oder lang, die Fäden, die wir weben?
Das Erlebnisfenster lebt in Momenten
flüchtenden Sehnens, in Fragmenten
von Küssen, Händchenhalten, Argumenten.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Foto: Franz26/Picabay

Danke, Christine, für den Anstoß.

DRANG NACH ERFÜLLUNG

Ich muss mich zurück ziehen,
wie aus Winters’ Atem Frühlings Zug,
aus falsch angenommenen Pflichten,
aus Selbsttäuschung und Selbstbetrug.

Wie oft wollen wir den Himmel stürmen
und lassen dabei die Erde außer Acht?
Wie oft wollen wir für alles und alle andern leben?
Dabei werden unsre wahren Ziele umgebracht.

Und schleichend kommt des Geistes Sterben,
des Geistes Absterben bei lächelndem Gesicht;
Eine Wahl kann doch nicht stimmen,
die getroffen wird zwischen Liebe und Pflicht.

Eine Menschheit kann doch nicht gedeihen,
wenn jedes Ich zutiefst gespalten ist;
Frieden und Krieg werden nur wiedergeben,
was ich innerlich bin und was Du innerlich bist.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PARALLEL

Parallelwellen gemeinsam reiten
in Parallelwelten;
Gedanken, Gefühle und Gezeiten
unterscheiden sich voneinander selten;
Ob Monde, ob Empfindungen,
beide gelten
als Drahtzieher jener Erfindungen,
die unsre Nächte stets erhellten.

Wie Baumwurzeln unterirdisch verbunden
mit ner unsichtbaren Liebe,
Menschen unwissend aneinander gebunden
im geistigen Getriebe;
Dichter und Denker weltweit inspiriert
durch ähnliche seelischen Antriebe;
und Du und ich manchmal parallel geführt
von einem Geist durch ähnliche Triebe.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung