WACHKÜSSEN

Ein Kuss weckte Schneewittchen aus dem Schlaf.
Doch ein Kuss hat viele andere in den Schlaf versetzt,
Aus dem sie ohne Kuss später erwachten verletzt,
Verwirrt, enttäuscht, erwachsen, klein, entsetzt,
Ohne Prinz, ohne Prinzessin, ausgetauscht, ersetzt,
Dieses begreifend: der Kuss wurde überschätzt
Als Vermittler der Botschaft: Du wirst wertgeschätzt;
Dieses begreifend: der Kuss wurde unterschätzt
Als Schlafmittel, das Deine innere Klarheit zersetzt.
Du brauchst nicht zurückrufen, die Leitung ist besetzt.
Du darfst nicht stören, es wird gerade geschwätzt -
Wachgeküsst wird Schneewittchen gerade aus dem Schlaf!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INTENSIVER

Ich weiß gar nicht,
wo ich anfangen soll -
Ich spüre alles intensiver.

Die Leere der lustigsten Witze
Die Distanz im innigsten Kuss
Das Schauspiel im ernstesten System
macht mich sensitiver.

Morgens älter werden
Abends jünger wachsen
macht mich kreativer.

Masken fallen sehen
Masken formen sehen
Masken reden sehen
macht mich intuitiver.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHMELZUNG

Siehe, das ist kein Kelch,
Da ist mein Herz,
Tunke es in Deins. Welch
Freude, welch Schmerz,
Jede innige Verschmelzung.

Lass mich in Dich hinein
Ich kann Ecken erreichen
Hart und kalt wie Stein
Und schmerzlich sie aufweichen
In erfüllender Verschmelzung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDSCHAFT-BEKANNTSCHAFT

Wer Zugang zu Deiner Seele hat, oder in Dein Herz oder zum Verwundbaren in Dir, der ist Dein Freund. Alles andere ist bloß eine Bekanntschaft, egal wie eng sie ist, auch in einer Ehe oder bei einer Blutsverwandtschaft, so sonderbar das klingen mag. Es kann also ernsthaftere und weniger ernsthaftere Bekanntschaften geben. Die Ernsthaftigkeit oder Nähe einer Bekanntschaft macht sie noch lange nicht zur Freundschaft. Freundschaft ist eine gewisse Art und Tiefe von gegenseitigem Zugang zum Wesen voneinander.
Deshalb verstehen Freunde sich beinahe ohne Worte manchmal. Da spricht die innere Stimme. Ein Freund hört das un- und halb gesagte.

Der Entstehung jeder wahren Freundschaft geht ein Moment des gegenseitigen sich Öffnens voraus. Nicht selten ist das sogar ein Streit, entweder am Anfang oder zu einem entscheidenden funkenden Wendepunkt. Nicht immer ist es jedoch ein Streit, natürlich, aber immer gab es einen Augenblick, in dem Beide sich gegenseitig in ihren wahren Naturen offenbarten, sich gegenseitig erkannten, anerkannten … und akzeptierten so wie sie sind. Auf jeden Fall gehört zu einer guten Freundschaft die Fähigkeit, miteinander zu streiten.

Ein Freund sieht nicht nur, wo Du gerade bist. Er versteht auch, wo Du warst, und er weiß, wo Du hin willst, und hin kannst, und hin sollst. Ein Freund ist derjenige, der Dir diese Wahrheit sagt. Aber hier ist das Entscheidende: Er sagt Dir die Wahrheit nicht auf eine zerstörerische oder vernichtende, sondern auf eine aufbauende Art und Weise. Ein Freund ist also der, der die potenzialerweckende, kraftbefreiende, motivierende Wahrheit in Dir zum Leben und Bewusstsein kommen lässt.

Aber was hat die Kultur der Sozialen Medien aus diesem Begriff „Freundschaft“ / „Freundin“ / „Freund“ gemacht! Regelrecht entwertet und degradiert! Verbindungen, die nicht mal die Bezeichnung „Bekanntschaft“ verdienen, laufen jetzt sinnverwirrend und laut unter dem falsch angewandten Namen „Freundschaft“. Wie viele Freunde haben wir nicht alle mittlerweile auf Facebook? Besser wäre es, für Sprache und Sinnbewusstsein, wenn ein anderer Wort für diese substanzfernen Verbindungen erfunden wäre, eins, das dem Begriff der Illusion ehrlicher entspricht. Hier geht es allerdings lediglich um den Missbrauch des hohen Begriffs „Freundschaft“ und nicht darum, daß wertvolle Bekanntschaften auch übers Internet wie überall zur Stande kommen können. Aber das ist eine andere Sache.

Denn weniger ist mehr. In der Wirklichkeit sind meine Freunde wenig, wirklich überschaubar wenig. Denn sie sind wahre Freunde. Fürwahr, sie wahre Freunde zu nennen ist recht gesehen eine Beleidigung, oder zumindest eine Tautologie, denn Freundschaft an sich ist bereits wahr. Wenn sie nicht wahr ist, dann ist sie sowieso auch keine Freundschaft, verdiente daher von vornherein die Bezeichnung Freundschaft gar nicht.

Und weil die Freundschaft eben bereits wahr ist, und innig, und ein ständiges Berühren des Empfindlichsten, ist sie auch selten und rar. Als würden die Begriffe Freundschaft und Masse sich gegenseitig ausschließen, ist es fast unmöglich viele Freunde zu haben, also „echte“ Freunde; dafür aber unzählige ernsthafte Bekanntschaften, wenn Dir danach ist. Bei manchen Menschen sogar fast ausschließlich nur.

Was bedeutet mir die Freundschaft? Sie ist etwas Tragendes, Stärkendes, Aufbauendes, Spiegelndes. Sie ist das Ergänzende im persönlichen Sein und Streben eines Menschen. Alle Einsamkeit der Welt ist ertragbar, wenn Du einen Freund hast, mit dem Du es teilen oder dem Du es einfach nur mitteilen kannst.

Che Chidi Chukwumerije

DIR SELBST TREU

Ich bin nicht so, wie Ihr
mich haben wollt, Ihr, die Ihr
auf meiner Seite seid.

Ich bin nicht so, wie Ihr
mich haben wollt, Ihr, die Ihr
gegen mich seid.

Kann für Dich jemand sein,
der Dich nicht versteht?

Kann gegen Dich jemand sein,
der Dich nicht versteht?

Deinen Pfad kennst und kannst nur Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLINDER RASSISMUS

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht weiß, daß er Rassismus ist.

Er denkt, er sei lustig, witzig.
Er behauptet, er sei nett, zuvorkommend, behilflich.
Er glaubt, er sei ehrlich, wahrhaftig.
Er meint, er sei natürlich - sogar menschlich.

Deshalb wird ihm nicht die Erkenntnis,
daß er Rassismus ist.
Vor allem deshalb, weil diese Erkenntnis…
sie zeigte ihm gleichzeitig,
wie klein er ist.

Das Schlimme an Rassismus ist,
daß er nicht wissen will, daß er Rassismus ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBUS

Die Nacht ist eine dunkle Tube
Zieht den Flixbus in ihre dunkle Grube
Meine Gedanken aus ihrer dunklen Stube
Fliegen heraus und erhellen die Autobahn
Die Reise kann beginnen ohne Plan
In Erinnerung, Hoffnung, Klarheit, Wahn
Die äußere ist der inneren Reise Untertan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KUSCHELTIER

Kuscheltier
kuschelt nicht
Heißt nur so
Lächelt nicht
heuchelt nicht
streichelt nicht
Kuscheltier
tuschelt nicht
schmeichelt nicht
so wie so.

Dennoch
füllt es ein Loch
bringt Wärme
Gesellschaft sacht
denen, die keine Arme
halten in der Nacht.
Ersatz für die Zweisamkeit
in einer Welt voller Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DOPPELEINZELGÄNGER

Hast Du auch das Gefühl,
Dich gibt es zweimal?
Einer flüstert in der Nacht,
der anderer wird am Tag vokal.

Ich denke nachts Dinge,
die mir tagsüber fremd sind.
In der Nacht weich, hellsehend,
am Tag hart und blind.

Alle diese Emotionen,
die Nacht für Nacht erwachen
und Tag für Tag verschwinden,
was soll ich mit ihnen machen?

Und die Tage werden kürzer
und die Nächte werden länger -
Der Herbst macht aus einem Einzelgänger
selbst seinen eigenen Doppelgänger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WORTE KOMMEN WIEDER ZURÜCK

Wie Worte überleben
Wie sie Schweigen überdauern
Und wieder auftauchen
Wie U-Boote, wie sie lauern
Bis Herzen sie wieder brauchen
Um sich gegenseitig zu vergeben.

Wie Worte hartnäckig überleben
Geformt als Texte mit festen Bedeutungen
Halb-geformt als im Blut gefühlte Gedanken
Ungeformt als feine Kern-Empfindungen,
Wie altes Geld in und aus alten Banken
Ihr Reichtum irgendwann wieder - und weiter - geben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung