VORURTEILE ALS FILTER

Es könnte so einfach sein
Ohne Vorurteile als Filter
Dinge zu durchblicken fein

Aber da haben wir sie
Die Vorurteile als Filter
Blind machend wie noch nie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WELCHE FARBE HAT DAS MENSCHSEIN NICHT?

Der Tag, an dem ich anfing, über meine Hautfarbe zu reden und zu schreiben, war der Tag, an dem ich mich aus dem Menschsein herausdrängen ließ.

Der Tag, an dem ich aufhöre, über meine Hautfarbe zu reden und zu schreiben, ist der Tag, an dem ich mich aus dem Menschsein herausdrängen lassen werde.

Der Tag, an dem ich anfange, über mein Menschentum zu schreiben und zu reden, ist der Tag, an dem ich meine Hautfarbe im Menschsein verselbstständige.

Der Tag, an dem ich aufhöre, über mein Menschentum zu schreiben und zu reden, oder es zu leben, ist der Tag an dem ich mich selbst aus dem Menschsein verabschiede.

Che Chidi Chukwumerije

DIE SONNE STEHT MÜDE AUF

Die Sonne macht die Augen auf
Ist sie heute gut drauf?
Schwer lesbar, wie ich meine

Die Sonne dreht sich zweimal um
Sieht sich schweigend um
Von ihren Gedanken sehe ich keine

Die Sonne steht langsam auf
Geht müde auf
Stellt sich wackelig auf die Beine

Die Sonne schickt einen Gruß herum
Stell sich erneut auf stumm
Und geht ihren Weg wieder alleine.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE STELLST DU DIR SCHWARZ VOR?

Kannst Du es Dir vorstellen
Daß ich es mir vorstellen kann
Das was Du Dir vorstellen kannst?

Kannst Du es Dir vorstellen
Daß ich es mir vorstellen kann
Das was Du Dir nicht vorstellen kannst?

Kannst Du es Dir vorstellen
Daß ich es mir nicht vorstellen kann
Daß Du es Dir vorstellen kannst
Daß ich es mir nicht vorstellen kann?

Wenn Du Dir das vorstellen kannst
Kannst Du Dir vorstellen
Daß ich mir nicht vorstellen kann
Daß Du es Dir vorstellen kannst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSICHTBARKEIT

Diese Haut
lenkt zu sehr ab
vom Wesentlichen

Der eine will mir helfen
Der andere mich schaden
wegen meiner Hautfarbe

Die eine will mir Unverdientes schenken
Die andere Verdientes mir vorenthalten
wegen meiner Hautfarbe

Der eine erwartet unmittelbaren Zugang in mich
Der andere lehnt mich instinktiv vollständig ab
wegen meiner Hautfarbe

Die eine verarbeitet mich nur mit Vorurteilen
Die andere verarbeitet mich überhaupt nicht
wegen meiner Hautfarbe

Der eine verlangt nur Perfektion von mir
Der andere erwartet nur Unfähigkeit von mir
wegen der Hautfarbe

Die eine glaubt, mich vollkommen zu verstehen
Die andere hält mich für unverständlich
wegen meiner Hautfarbe

Und bei alledem
fühle ich mich nur
ungesehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLUG

Wir standen auf den Wolken
Die Erde ist so klein
Denke ich mir während wir laufen
Langsamen Schrittes hoch über Länder
Ich habe nicht mal meinen Gedanken
Zu Ende gedacht
Schon sind wir am Zielflughafen gelandet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BRÜCKE ZU UNS

Ich dünkte mich
Ich find dieselbe Brücke
In jeder Stadt
Die ich besuche

Immer groß
Immer weit im Hintergrund
Aber … immer da

Jedem zugänglich
Der sich die Mühe machen will

Sie zu überqueren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ZIEHEN

Brunnen
Als wäre die Gesellschaft ein Brunnen
schöpfe ich täglich aus ihrem Born
Je mehr wir uns UNS gegenseitig gönnen
zieht mich ihre Kraft weiter nach Vorn…
Die Tiefe in dem Wir scheint unendlich zu sein
Unendlich zu sein ist vollständig zu sein
als Wir – jedes ich erweitert durch die anderen,
alle anderen verbunden durch den einen.
Ein Unfassbares zieht sich im Kreis
durch unsere geschlossene Reihe
Ist es Freude? Ist es Menschlichkeit?
Eine neue Gesellschaft. Eine freie.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWISSEN IST WISSEN

Kopfkissen ist
Nicht weich genug
Wenn das Gewissen
Zerrissen ist.
Der einzige Bezug
Dazu ist Wissen
Was beschissen ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

ANZIEHUNG DER GLEICHART

Zögernd
Wie eine Maus aus ihrem Loch
Wagt die Menschheit sich
Aus Ihrer Mentalität des Gespaltenseins
Heraus - Wagt es sich, es sich vorzustellen
Daß es möglich ist, sich zu begegnen
Enger mit sich selbst in Harmonie
Zu leben.

Und dennoch, egal wie eng
Die Menschen sich an einander schmiegen
Oder gerade deshalb…,
Suchen sie in ihren kleinen Gruppen
Und kleinen Räumen
Um so mehr die Gesellschaft der Gleichart.
Frag mich nicht, was Gleichart ist -
Entscheide Du selbst, was Du wirklich bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung