MEHR AUTOBAHNEN

Friedhof der Bäume
Stiller Asphalt
Jede Fahrt ist laut klagend
ein Trauermarsch angeschnallt
Schneise wie Grab
führen zum nächsten Aufenthalt
Manche sagen höhere
manche sagen Natur-Gewalt
manche sagen: Es muß doch
einen anderen Weg geben. Halt!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PORTALE

Die Sterne sind zu weit weg
Lieber gucke ich in Menschenaugen hinein
Sie führen in ferne fremde Welten
Ich bin ein Weltenwanderer tagaus tagein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN GESICHT IST MASKE

Wieder gestorben
Wieder wiedergeboren
Wieder merken Freunde nicht
Daß sie Fremde geworden sind
Fremde sowie Feinde auch
Mein Gesicht ist Maske, seid Ihr blind?
Wieder gestorben
Wieder wiedergeboren
Tausendmal erwachsen, tausendmal Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

GESÄTTIGT

Kann es sein, daß
Die Antwort nicht in dem Körper liegt?
Ich meine, nicht im Körperlichen
Ein Lächeln trifft einen Blick, der Geist siegt
Der Körper, gesättigt, verliert seinen Appetit
Fällt wie ein Stück Kleidung ab
Das schwerer als die Empfindung wiegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RECHT AUF FEHLER

Siehst Du mich wirklich
Als ebenbürtig und gleichwertig?
Beweis es mir -
Zeig mir, daß ich zu den selben Fehlern
Wie Du gleichberechtigt bin.
Verzeih mir und gestatte mir
Meiner unvollkommenen Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUT GEDACHT

Wieder ist laut die Nacht
und lauter ich
Ein Schreiwettbewerb
doch sonderlich
Laut jedem Beobachtenden
schweige ich.

Der Nacht ihr treues Spiegelbild.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEIN FUSSABDRUCK

Kein einziger Fußabdruck
unterbrach den Nachtschnee
auf dem Bahnsteig

Kein Mensch teilte mit mir
das Zugabteil – das Leben
spiegelt, was ich verschweig

Ich wusste, ich bin allein
und die Zugfahrt war nur
der lange Fingerzeig.

Che Chidi Chukwumerije
Das Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMMELN

Wo bin ich?
Ich versuche, mich zu sammeln
Aber ich finde mich nicht.
Wo bin ich?

Als wäre ich auf Reise gegangen
Warte ich in mir gefangen
In meinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICH DURSTFORSTEN

Es ist interessant, in Dir herumzuforsten

Kann man das so sagen?
Ich werde es wagen,
Du glättest die Wogen.

Manch ein Vogelschrei
Aufgeschreckt und überrascht
Überrascht und erschreckt mich auch

Die plötzlichen Blumen
Die mich in Deinem Wintergarten beobachten
Sind fesselnder als die vielen Tieraugen in Dir

Es macht Sinn, daß Du so viele Tiere bist.

Berg und Tal und Bach und Busch
So fühlt es also sich an, zu dürsten?
Es ist interessant, Dich zu durchforsten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MICH GAB ES SCHON

Mich gab es schon seit langem
Nicht alles Wesentliche ist laut
Nicht alles Laute ist wirklich da
Unter Schwarzer oder Weißer Haut

Nicht alles Lebendige ist sichtbar
Nicht alles Sichtbare ist echt
Mich gab es schon seit langem
Unsichtbare Haut ist nicht immer schlecht

Jetzt seht Ihr mich, jetzt seht Ihr mich nicht
Ein Deutscher mit fremdem Gesicht
Ein Fremder mit deutschem Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung