AUS DER SCHWERE

Wenn es sein soll und richtig ist,
geht es immer schnell –
Mein Frühling läßt nicht lang auf sich warten.
Dein Winter ist Druck, ist Appell.
Denk nicht, daß Schwarz dunkel ist,
mein Herz brennt glühend hell.
Sei Du meine Leinwand heute Nacht,
meine Worte sind Pastell.
Schwere Tinte auf leichtem Blatt
und geboren wird Karamell.
Öffne Dich und fürchte Dich nicht –
dies ist alt, lebendig, rituell.
Dichten ist Lieben unter Druck,
das allerschönste Duell.
Das Gedicht, das stets dabei raus kommt,
ist l(e)icht, ist originell.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

“Aus der Schwere”: ein Titel, zwei Gedichte. Poesie-Kollaboration zwischen Christine Jendrike (Ideenlese) und mir.

HÖCHSTSPANNUNGSLEITER

Heute bist Du meine Muse
Die Ungereimtheiten in Dir
Die Uneinigkeit zwischen Deinem Kopf
und Deinem Herzen ist die schönste Spannung
die ich je gespürt habe –
sie ist eine Hochspannungsleiter,
durchströmt mich mit einem bebenden Warten
auf Entladung –
Danke für die Einladung.
Ladestation: Mensch. Sehnender Mensch.

Zu wissen, ich labe mich an Deiner Wunde
und das Laben reinigt die Wunde –
Herz und Kopf versöhnen sich…
Die Spannung läßt nach…
Die Wunde schließt sich.
Eine Weile muss nun ich entbehren, leiden –
Mein Durst wird wieder reif, dürstet…
Und wenn ich Dich dürstenden Auges anschaue
werden Dir Kopf und Herz wieder uneinig,
die spendende Spannung ist wieder da.

Hallo, Muse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE TÄGLICHE WENDE

Ihr denkt, ich schreibe täglich Gedichte
Nein, ich blättere langsam im Buch meines Lebens
Jedes Blatt, das ich wende und lese und wende
verschwindet wieder hinter mir,
sehe ich, wenn ich mich wieder wende.

Wie viele noch vor mir sind
ist ungewiss,
denn ich bin es selbst, der sie schreibt
… täglich.
Was Ihr lest, ist, was ich gestern war.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH DICHTER

Du stellst mich auf den Pranger
Ich bin täglich Vater
täglich hoch schwanger
täglich gebärende Mutter
und buchstäblich Dein Handlanger.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTFREMDGESPRÄCHE

Bevor Du eine Fremdsprache lernst
halte inne und schau ein letztes Mal zurück
auf Dein altes Selbst
– denn nichts ist so lebendig
und so unwiderstehlich als die Macht einer Sprache
Dich unumkehrbar zu verändern –

Bevor Du anfängst, in einer Fremdsprache zu denken,
halte inne und schau ein letztes Mal
auf Deine alten Gedanken
– denn irgendwann ist die neue Sprache nicht mehr fremd
und Du wirst Dein altes Selbst nicht mehr kennen.

Bevor Du anfängst, mit den Worten einer Fremdsprache
Dein Innenleben auszuschreiben,
schreib es zuerst in Deiner jetzigen Sprache nieder –
denn die Fremdsprache wird Fremdes in Dir wecken
und Du wirst es nicht merken
denn die dazugehörige Sprache ist nun auch Deine geworden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKERE DICHTUNG

Dein innerer Fluss
Er muss er muss
fließen …

Meine Finger
in Deiner Wunde
richten Deinen Widerstand
zugrunde

Krass, wie nass das Gras wird
Der Regen, dagegen, wird verrückt
Kontrollverlust, befreit von Frust
Dichtung in jeder Richtung erlöst sich
Zum inneren Fluss, der fließen muss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAND IN HAND

Ich nehme mein Stift
in die Hand
und warte geduldig darauf
selbst genommen zu werden
in Deine Hand.

Ich habe Dich noch nie gesehen
noch gehört
aber ich liebe wie Du mich
innerlich besuchst und sanft
Dein Herz legst auf meine Hand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STIMMEN AUS SCHWEIGEN

Videokonferenz. Stimmen.
Ich höre mich nicht.
Ich höre nur mein Schweigen, reichhaltig,
genau so laut.

Als die Konferenz plötzlich vorbei ist
und die Stimmen weg sind,
höre ich auf einmal meine Gedanken wieder
und mein Schweigen nicht mehr.

In den Stimmen
höre ich mein Schweigen.
In meinem Schweigen
höre ich die Stimmen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNGESCHRIEBENE SCHWINDET WIEDER

Seit zwölf Stunden versuche ich
mich an den Gedanken von gestern Abend
zu erinnern…

Ich habe eine Demo vorbereitet
Ich habe marschiert
Ich habe mich ausgeruht und
Komputerspiele gespielt

Ich bin nun wieder in meinen Kopf eingekehrt
aufgeregt und voller Hoffnung
um die Ecke in mein Gedächtnis hineingeblickt

Doch immer noch fehlt er,
ganz, wie ein Geist –
der schöne tiefe Gedanke von gestern Abend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄLEN

Im siebten Jahr ihrer Beziehung
War es plötzlich Herbst
Die Gedanken änderten ihre Farben
Die Empfindungen wurden tief, herb, ernst
Die Gefühle, sie fielen langsam zu Boden
Wie die müden Blätter zerlesener Oden.

Abgegriffen der einstige Glücksgriff
Ein Ozean ist zu groß für ein Schiff
Nein, ein Ozean ist nicht groß genug
Für die pochende Sehnsucht…
November nahte sich, sie wurden nackt
Suchten zum ersten Mal zueinander Kontakt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung