TRAUM VON GRÜN

Ein Grün ist wie mein Lächeln
Ein Grün ist wie mein Grübeln
Ein Grün ist wie mein Trauern
Und, wenn es regnet, mein Weinen

Ein Grün ist meine Müdigkeit
Ein Grün ist meine Kindheit
Ein Grün ist die Nachdenklichkeit
Des Autofahrers in mir

Ein Grün ist kein Grün mehr
Ein Grün ist ein grünes Meer
Ein Grün ist ein dunkles Heer
Lauernd im Wald

Grün grün grün sind alle meine Welten
Grün grün grün ist alles, was ich trau
Darum lieb ich alles, was so grün ist
Weil mein Traum eine grüne Erde ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE MACHT DER WIEDERHOLUNG

Unser Vater hat uns beigebracht
Dinge zu wiederholen
Langweilige Dinge
Täglich zu wiederholen
Auch wenn sie langweilig sind
Trotzdem wiederholen
Wichtige Dinge sind oft langweilig
Deshalb wiederholen
Weil die Natur so ist
Sie tut sich nur wiederholen
Weil das Herz davon lebt
Seine Schläge zu wiederholen
Wenn Du etwas erreichen willst
Ließ er nie nach zu wiederholen
Mußt Du lernen diszipliniert
Dich täglich zu wiederholen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE NACHBEWUNDERUNG

Ich wachte früh auf
Es war noch nicht die dritte Uhr
Und ich wartete auf den Moment
des Anbruchs der Morgendämmerung
um ihn heute zu fangen…

Ich blieb lange wach – und war wach
und beobachtete aufmerksam
mit Augen und Ohren und Nase
mit Haut und allem, was dahinter wohnt
– und bemerkte ihn nicht anfangen…

Nach einer Weile fiel mir auf
daß es schon seit einer Weile heller geworden war
und daß ich schon seit einer Weile
das leise Zwitschern ferner Vögel
unbewußt hab empfangen…

Der Tag, wie der erste Tag, kam zuerst
und erst danach mein Bewusstsein von ihm
Wie das Wunder vor seiner Bewunderung
kam zuerst das ewig sich wiederholende Ist
und ich bin ewig in dem Danach gefangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MORGENDLICHER REGENGESANG

Der Regen hat angefangen
zu trommeln
und beim Trommeln tanzt er

Morgendliche Tanzschritte
führen meine Ohren aus der Mitte
meines Traums
bis ans Fenster meines Schlafraums
hinter dem Vorhang
Regengesang.

Und als der Regen die Erde leckte
stieg der Geruch der Erde und er weckte
irgendwo in der Nachbarschaft
eine leise Stimme mit sanfter Kraft
Regnerische Morgenritte
Lauter werdend „ja, bitte, bitte…!“

Die Brise hat angefangen
zu atmen
und beim Atmen seufzt sie und flüstert mit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHREIBTAFEL

Die Bücher, die mich lesen –
Wachsen sie auch wegen mir?
Die Seiten, die mich wenden –
Verlassen oder suchen sie mich?
Die Zeilen, die mich schreiben –
Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Die Punkte, die mich halten –
Sammeln sie sich nur oder war‘s das?

Die Wege, die mich gehen –
Wann kommen sie endlich an?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MAGNETEN

Auch wenn Ihr denkt
Ihr denkt
Ist es Euch nur geschenkt
Ausgeschenkt
Verschenkt
Wie Wein und wie Gift.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MASKENGEDICHT

Maskenpflicht
Versteckspiel
Zeig nicht Dein Gesicht
Verrat nicht Dein Ziel

Schutzschicht
Oder Lügenpflicht
Unklare Absicht
Und ein ungutes Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABENDBROT

Der Hügel traf die Sonne fallend
Überrollte die Sonne auf seinem Rücken
Lachte schallend
Mein Herz zweimal nachhallend
Konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

Und dieses Lachen hallte weiter
In unserem Abendessen im Familienkreise
leicht und heiter
Wurde spöter zur Himmelsleiter
Bei unserem Abendgebet, leicht und leise.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREMDE EIGENTÜMER

Warum bin ich von Sachen umgeben
die ich nicht vermissen werde
nach meinem langen kurzen Leben
auf dieser fremden Muttererde?

Wenn man nichts anderes hat
als alles, was man hat
Merkt man, daß man in der Tat
außer sich und der Liebe nichts hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKEROBERUNG DER FREUDE

Himmel blau
Straßen ohne Stau
Affe, Ziege, Delphin, Sau
stellen sich wieder zur Schau
mitten im Menschenbau
inmitten der ehemaligen Natur
Tier-Erinnerung an Blumenflur
dreht zurück die innere Uhr.
Möge auch ich, die menschliche Kreatur
entdecke wieder neu die Urfreude pur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung