FREMDE STADT

Ich laufe durch die Stadt.
Ich spaziere durch die Gefühle der Passanten
Und sehe diese an ihrer Statt.
Ihre Gefühle sind Weltwanderer, sind Migranten.
Die Menschen hier sind mir zwar fremd und neu,
doch ihre Gefühle gleichen mir Bekannten, detailgetreu.

In den einen Augen unzählige Fragen;
In den anderen: Ich habe hier das Sagen;
In anderen: Du bereitest mir Unbehagen,
Du hier? - Wie konntest Du das wagen?

In den einen Augen tastende Unsicherheit;
In den anderen Sehnsucht nach Wahrheit;
In anderen Erkenntnis der Mitmenschlichkeit;

In den einen Augen klarer Verbindungsverzicht:
Ablehnung oder Gleichgültigkeit? Weiß ich nicht.

Doch manche sind einfach nur scheu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

STROMWANDLER

Spürst Du auch manchmal diese Liebe,
stärker als Sucht, stärker als Triebe?
Diese überwältigende Liebe in Deiner Brust -
für was oder wen, ist Dir nicht bewußt.

Sie weckt Dich nachts zum nachdenken,
sie macht Dich Tags zum Träumenden,
sie erfasst manchmal urplötzlich Dein Herz
mit einer Druckkraft intensiver als Schmerz.

Du willst sie in Taten spenden und empfangen,
sie in allen Augen sehen, als inniges Verlangen.
Woher? Wohin? An wen, was? Wofür?
Dieses umfassende, alles hebende Gespür.

Als wären wir, unruhige Weltenwanderer,
gleichzeitig im Einsatz als Stromwandler
einer liebevollen Kraft von weit weit oben,
die sich verankern will auf irdischem Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER WERDEGANG DES MENSCHEN ZUM MONSTER

Der Werdegang des Menschen zum Monster
ist eine Strasse des Schmerzes der Hoffnung -
Eine kindlich helle Seele wird langsam finster,
zerrissen durch fassungslose Enttäuschung,
wird im Grübeln immer leiser, immer ernster,
erliegt dann irgendwann der Rache Versuchung
freiwillig, das kann jeder, selbst ein Reinster,
wenn Vertrauen stirbt und kalte Verdunkelung
übernimmt tief die Augen, der Seele Fenster.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SO VIELE EINSAME MENSCHEN

So viele Menschen sind einsam.
Unserer Augen Blicke treffen sich,
sie haben etwas gemeinsam -
sie sind durstig und erhoffen sich
mit jedem Lächeln, jeder Begegnung
eine Linderung ihrer Einsamkeit,
fürchten aber auch eine Entgegnung,
die sie bestätigt, diese Einsamkeit.

So viele einsame Menschen überall
aber keiner von ihnen passt zu Dir -
Ist Liebe Schicksal, Puzzeln oder Zufall?
Oder freier Entschluss in Dir und mir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS MANGEL AN TATMUT

Während sie lächelten
Während ihre Gefühle köchelten
Während sie Möglichkeiten einfädelten

Während sie tändelten
Während sie an Tatmut mangelten
Während sie nicht handelten

Kamen andere Menschen in ihr Leben -
Doch schau, wie sie aneinander noch kleben
unfähig, sich gegenseitig je zu vergeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE IST EIN SÜSSER SCHMERZ

Lieben ist Wehtun
mit Vergnügung
Führt zu Unruhen
in der Empfindung

Schweigen ist besser als lügen
Mit-teilen ist besser als betrügen
Fügen ist besser als sich fügen

Liebe ist ein süßer Schmerz
und er führt Dein Herz
ab- und aufwärts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES IST ECHT

Es sieht leicht aus,
ist es aber nicht. Es ist echt.
Und echt ist nicht leicht.
Es wäre unfair und ungerecht,
als leicht zu bezeichnen das
unberechenbare menschliche Herz,
nur weil es schwankt zwischen
Tiefe, Spiel, Freude und Schmerz
ohne sich zu entscheiden,
welcher Weg nach Hause führt,
denn alles ist gleichsam wertvoll
was das Herz innig berührt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HASS FÄHRT IM KREIS

Sie fahren im Kreis
und kommen da an
wo ihre Irrfahrt begann
und fahren weiter im Kreis.

Der Hass hasst den Hass
und der Hass hasst den Hass zurück.
Der Teufelskreis endet im Unglück…
und fährt weiter. Bodenloser Fass.

Bodenlose Fassungslosigkeit.
Entweihte Weihnachtszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung.

WENN SCHMERZ EINE BLUME WÄRE

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen Gärten -
Träume, die wir gestern nährten;
Sorgen, die in uns einst gärten
und uns das Hoffen erschwerten;
Der Verlust früherer Gefährten;
Alle blühten auf in unseren Gärten,
wenn Schmerz eine Blume wäre.

Tränen süß wie Regen,
die das Verlangen erregen,
die Sehnsucht nach dem Licht -
Ein Herz, das bricht … und aufbricht
dem Licht entgegen fieberhaft
mit tausendfacher Blumenkraft!

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen blühende Gärten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERZEIHEN

Waren wir uns je ähnlich?
Waren wir je unterschiedlich?
Gleich und gleich bekämpft sich gern
Wir sind uns nah, wir sind uns fern
Wie da ein Stein und da ein Stern
die doch dasselbe sind in ihrem Kern.
Wunden, tief, sind nicht unverzeihlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung