SEHNFLUCHT

Viele Stimmen sagen ein Ding.
Eine Stimme sagt viele Dinge.
Zwei Menschen teilen einen Ring.
Du fühlst viele Dinge, wenn ich singe:
Lust und Frust, Sehnsucht und Sehnflucht,
Anziehung, Ablehnung, Zu-, Widerspruch.
Du kennst dieses Wort noch nicht? Sehnflucht?
Aber Du kennst das Gefühl - wie ein Fluch -
Herzbruch aus lauter Angst vor Wortbruch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FINDE TÄGLICH DEINEN MOMENT

Inmitten des Lärms
Finde ich einen schweigsamen Ort
Tief in mir. Achte nicht auf meine Worte,
Folge meinen Augen und triff mich dort.

Ein Moment genügt, um Dich zu finden.
Um mich zu finden, musst Du Dich finden.
Um Dich zu finden, musst Du den Lärm überwinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWÖHNE DICH FRÜH DARAN

Jenseits jedes Lächelns
Gibt es jemanden, der ernst ist
Im Herzen jeder Beziehung
Gibt es jemanden, der getrennt ist
Das Leben ist den Leichten schwer,
Den Schweren leicht
Wahre Verbindungen sind selten -
Gewöhne Dich früh an die Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WUNDEN BRAUCHEN ZEIT

Ich sah heute einen Mann in Schmerzen
Und bei allem Tröstenden, das ich sprach,
Nahm er es auch Trost suchend zu Herzen,
Ließ sein Leiden trotzdem nicht nach.

Wunden, wie alle anderen Lebewesen,
Brauchen und wollen ihre Zeit voll haben.
Kein Mensch, niemals, kann früher genesen
Als die Frist die ihm seine Wunden gaben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWEIGSAMKEIT

Ich sterbe den Tod der Worte
Wenn die Empfindungen eine Tiefe streifen
Jenseits der verbalisierbaren Innenorte.
Nur die Schweigsamen werden mich begreifen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERBORGENE BLUMEN

Meine Blumen blühen
wo keiner sie sieht
Und welken wo keiner
sie sterben hört.

Alles, was Ihr merkt
ist ab und an mein Lächeln
und dann mein ernster Blick
der Euch leise stört.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUF NIMMER

Auf Wiedersehen
Ist die größte Lüge der Welt
Niemals willst Du wieder sehen
Jemanden, der Dir nicht gefällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR HINTERLASSEN IMMER SPUREN

Ich sitze hier jetzt seit einer Weile
und versuche mein Herz zu verstehen
Es malt viele Bilder, langsam, ohne Eile
und dennoch mehr als ich je gesehen
aber heute ist nichts besonderes geschehen

Ich sprach wie immer mit etlichen Fremden
und sah dabei in unzählige Augen
in Blicken gefangen wie Körper in Hemden
die schützen wollen doch nur dazu taugen
gegenseitig zu suchen, zu flehen, zu saugen.

Und lang nach dem ich wieder alleine bin
lebt noch ein Teil von jedem in mir -
Begegnungen tief sind des Lebens Sinn
Ob kurz oder lang ich öffne mich DIR
Jedes Ich ist ein Teil von unserem großen Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLAU ALS WÄRE

Gibt es einen Ort -
und da würde ich hin, sofort -
blau als wäre der Himmel ein Kleid
gefertigt aus Freude, gewaschen aus Leid,
an- und ausziehbar wie aus Seelentiefen
ein Lächeln, das suchende Augen riefen,
fern und fließend im Wind wie ein Traum,
ruhig und festsitzend wie ein uralter Baum,
eng anliegend wie ein verbindendes Eid,
ein unendlicher blauer blauer Raum…
fast eine Erinnerung, in der wir schliefen…
Gibt es irgendwo diesen Ort?
Da würde ich hin, und sofort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

KEINE HEIMAT

Deine Augen saßen wie tote Steine auf Deinem Kopf
Die waren offen, sahen alles, begriffen nichts
Dieses Unbegreifen angesichts
der Tatsache, daß klopf-klopf-klopf-klopf,
unsere normalen menschlichen Taten
an die Türen Deines Herzes ungehört appellieren,
bewirkt die Weltenwende: wir rebellieren,
geraubt von allen unseren Heimaten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung