LÄCHELN

Innenleben ist das einzig wahre Leben
Ohne Innenleben
Kein echtes Geben
Kein ehrliches Vergeben

Nur Lächeln ohne Augenlicht
Wie jene Plastikblumen in der Innenstadt
die ständig und kalt immer lächeln
egal ob es regnet oder die Sonne scheint

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU SPÜRST ES

Spürst Du manchmal Gedanken,
wie sie Dich umzingeln?
Es sind die leisesten,
die am Lautesten nachts klingeln,
wenn Du wach liegst
und läßt den Tag sich ausklingen.

Die sich schlauer dünken.
Auch Gedanken können überheblich schmunzeln –
Trügerisch schmeicheln,
mit Augenkontakt Dich entwaffnen,
Dir Deine intimsten Geheimnisse entlocken,
ohne mit Worten Deine Ohren zu züngeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANGST VOR EINSAMKEIT

Seine Schuhe
Seine Hemden
Seine Heiterkeit
Seine Gegenwart in Deiner Einsamkeit

Alles bezahlst Du
mit der Währung und Bewährung
Deiner Angst vor Alleinsein
Du möchtest einfach dabei sein

Und zuhören, wenn er lacht
Auch wenn er nicht mit Dir lacht
Und seine Arme um Dich fühlen
Auch wenn sein Herz nicht dabei ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE ERMORDUNG VERGESSEN

Das Ding mit Sterben ist,
daß Du es vergisst –
Irgendwann als Erwachsener
blickst Du suchend zurück
vergeblich nach dem trennenden Moment
zwischen Dir und Deinem Glück.

Dieses Rätsel wird Dich begleiten
den Rest Deines Lebens:
Wie könnte ich so leise sterben
ohne Anzeichen eines Erdbebens?
Wer oder was hat mich wann getötet?
Du suchst die Antwort … vergebens.

Das Kind starb mit seinen Erinnerungen
Der Jugendliche starb mit seinen Idealen
Der Erwachsene bleibt mit seinen Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEGEGNUNG IM ZUG

Das Kleid war hübscher als die Frau.
Der Blick war klüger als der Mann.
Sie dünkten sich
und sich gegenseitig
schön schlau,
doch die Enttäuschung wird kommen irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEBEN EINANDER (2)

Zwei einsame Menschen
nebeneinander.
Sind sie ob der geteilten Einsamkeit
einsamer?
Sind sie ob der geteilten Zweisamkeit
einfühlsamer?
Sind sie ob der trennenden Alleinsamkeit
empfindsamer?
Zwei einsame Menschen
füreinander gegeneinander
geben einander gegenseitig
alles – und nichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAGE SIND TAUSEND JAHRE

Der Tag ist so groß,
zeiträumig so groß
Ich verliere mich ständig unterwegs
von Morgen bis Abend

Und weiß am Ende des Tages nicht mehr
wer ich am Anfang war –
Der Tag verändert den Tagträumer
Läßt unverändert den Tagversäumer

Morgenstund hatte viel im Munde
Jede weitere Stunde war mal Wunde,
mal große große Empfindungsrunde,
mal Freude,
beinhaltete immer Bewegung im Grunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHIG NACH VORN

Ich blicke
wie die Nacht und wie der Morgen
wie die Nadel gebannt ihrem Norden
wie ein Kind im Vertrauen geborgen
wie ein Fluss durch Reisen klar geworden
ohne Angst und ohne Sorgen
in mein tägliches Geschick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACKELBILD

Im Augen- und Tränenblick
erscheint trüb das Glück
wie ein Wackelbild gespiegelt
auf der Oberfläche eines Flusses
den Deine Reise überbrückt.

Schmerz bleibt und vergeht
und vergeht und bleibt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung