BRÜCKEN BAUEN

Ich die Nacht
Du der Tag
Und es war niemals Abend
Und es war niemals Morgen

Ohne Dämmerung
blieben wir
Du der Tag
Ich die Nacht

uns gegenseitig ergänzend
ohne uns gegenseitig zu verstehen
Wie Menschenrassen, wie Himmel
und Erde ohne Wolken und ohne Regen

Wer gibt wem zuerst
ein Teil von sich?
Der wird auch zuerst
voll und glücklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE UNRUHE

Seit Stunden lauf ich hoch und runter
meinen Gedanken hinterher
die seit Stunden herumschwirren
meiner Empfindung hinterher
die seit Stunden versucht
mir irgendetwas zu sagen
doch ich höre nur mein Herz schlagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERBSTGESPÜR

Manch eine Wand war eine Tür
Manch eine Zukunft war schon längst hier
Desinteresse ist das Gesicht von Gier
Achte nur auf Dein Gespür.

Nur der Herbst ist ehrlich
Er zeigt Dir, wie vergänglich
die Schönheit ist..
dann zeigt er sich, wie er wirklich ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZENSMENSCHEN

Manch ein Mensch
wandert lang
auf verschlungenen Wegen
über Berge und Täler,
Gefühlsschlünde
Empfindungsflüsse
Gedankenwälder,
macht geduldig die schmerzvolle
Reise aus Deinem Herzen in Deinen Kopf,
nicht wissend, ob Dein Herz
ihn vergessen haben wird, wenn er
endlich, plötzlich
in Deinen Gedanken auftaucht.

Überrascht, erstaunt, vielleicht
ein bisschen verunsichert
starrst Du ihn an,
vielleicht ein bißchen überglücklich
betrachtest Du sein Walten in Deinem Kopf,
wunderst Dich wie das sein kann,
daß ein Mensch so lang in Deinem Herzen
unbemerkt leben kann, Wurzeln schlagen,
und dann eines Tages, wie ein Baum,
in Deinen Kopf hinaufwachsen
und taucht wie ein alter Gedanken auf,
– Verwundert denkst Du nur:
Wie tief ist das Herz, wie weit, und geheimnisvoll.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUT SCHWEIGEN

Irgendwann schweigt
sein lauter Augenblick,
der im Augenblick
noch lauter schweigt
als je zuvor.

Irgendwann
ist sein Schweigen kein Reden mehr,
nur noch ein Schweigen.
Und Du wirst es lauter hören
als sein lautestes Schweigen davor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFÜHLSREGUNG

Wer hat den Himmel erregt
Wer auch immer das ist, er regnet für Dich
und weint
denn er findet Dich nicht…
Wieder nicht.

Angeregt vom Regen
löst sich der Dichter von seinem Träger
steigt im Mantel der Einsamkeit
aus seinem Herzen empor in seinen Kopf
und flüstert…

Regnen
Regen
Schreib mir ein Gedicht.
Der Kopf wartet, bis die Aufregung nachlässt –
Erst dann wird die Hand rege.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖFLICHKEIT

Mir tut der Bauch weh
ob all der abgelaufenen Worte
die schon längst hätten raus sollen
– jetzt verwesen sie langsam
unausgesprochen
höflich
in meinem Magen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHULD

Am meisten fällt es mir schwer,
mich zu ent-schuldigen,
denn es fällt mir schwer,
mich von meiner Schuld zu trennen.
Sie ist das einzige, was mich
an mein altes Selbst noch bindet,
das mein besseres Selbst war,
mein freieres Selbst war,
mein ehrlicheres Selbst war –
mit und ohne Schuld.

Und dennoch:
Alles Tote muß beerdigt werden.
Meistens mit Schmerzen im Herzen.
Meistens mit Tränen – denn
Dich von Deiner Schuld trennen, ist
Dich von Jemandem zu trennen,
der einst Dein bester Freund war und jetzt
nur noch ein Fremder ist.
Wenn ich mich bei Dir entschuldige,
trenne ich mich von meinem alten Ich.

Und das tut weh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MANCHMAL LIEBER SCHWEIGEN

Ein Wort zu viel
wiegt weniger schwer
als ein Wort verschwiegen
und kann es nicht ausgleichen.

Die Berge schweigen laut
und lauter als die Nacht
und lauter als die Toten
und lauter als die Einsamkeit.

Nur die Reue schweigt lauter,
wenn es schon zu spät ist.
Und alles Schweigen der Welt
kann das gesprochene Wort nicht korrigieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung