FRÜH AUF DER AUTOBAHN

Bist du blauer, Himmel?
oder bist du es, Autobahn?
Ihr müsst Euch endlich küssen
wo keiner Euch sieht
nicht mal ihr Euch selbst

aber schnell

bald steigt die Morgensonne
und sie verrät all eure Gedanken
wie Bäume am Straßenrand

und enthüllt die Wolken in euren Augen
und die lauten Autos,
wie viel zu viele fremde Worte
in eurem Schweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BERGWASSERFALL

Kaskadierend
schlendert das Wasser
die Felsmauer langsam herunter
und ich wusste, so sehen Tränen aus,
wenn ein Berg leise zu sich weint.

Und warum sollte er nicht weinen?
Da thront er, ummantelt von der Einsamkeit –
Die Menschen kommen und gehen
Die Bäume kommen und gehen
Die Vögel kommen und gehen

Doch der Berg steht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN EINZELNER GEDANKE

Auf der Suche nach dem Störenfried,
dem Eindringling in meine Gefühlswelt:

Ein Gedanke unter Tausenden,
Er tauchte kurz wie ein Spaziergänger auf,
grinste spöttisch, verhöhnend,
verschwand ganz schnell wieder …
bevor ich ihn fassen konnte.

Und jetzt bin ich da, verunsichert,
tanze nervös in meinen Gedanken rum
zum Takt meiner Herzschläge –
So mächtig ist ein einzelner falscher Gedanke,
wenn Du nur in Deinem Kopf lebst.

Ich gebe die Suche nach dem Störenfried auf.
Mein Herz lacht und ich bin nicht mehr gestört.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HARTER TAG, SANFTER ABEND

Einer dieser leeren Tage
Die so voll sind –
Eine laute geladene Frage
Wenig Substanz, viel Wind.
Tausend Punkte, vage.
Tausend Blicke, blind.
Erwachsenen sind nicht in der Lage
Zu finden das innere Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBHABER

LIEBHABER

Der Fluss rennt wie eine verrückte Frau
mit Beinen überall links und rechts geworfen
Bis er unser Tal erreicht
Dann auf einmal fängt er an zu tanzen
wie ein verrückter Mann
mit Beinen überall links und rechts geworfen.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es der selbe Fluss.

Wenn unser Tal sein Höhepunkt ist,
dann ist es doch sein Gipfel.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es das selbe Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISE BEWEISSTÜCKE

Selbst unsichtbare Füße
hinterlassen Abdrücke –
wie merkwürdig

Wichtig ist nicht die Wirkung
sondern die Auswirkung
Es gibt immer eine Rückwirkung

Selbst unausgesprochene Worte
bleiben laut im Gedächtnis
und sind Teil der Geschichte

Sie lauern zwischen den Zeilen
Als Lügen verkleidete Wahrheiten
Als Wahrheit verkaufte Lügen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZER REGEN

Die Wolken waren meine Gedanken
die ich von Dir fern hielt
doch wenn ich weine, rühren sie Dich

Aber nur kurz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMM ZURÜCK

Immer wenn ich gehen muss
und sehen muß
wie Euer jede Blick flehen muss

baut ihr mir Stück für Stück
aus aller Ferne den Weg zurück
nach Haus und Glück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWISSENLOS

Risse in Deinem Gewissen –
Bisse tun Dir nicht mehr Weh.
Wirst Du den Schmerz vermissen?
Oder starb in Dir auch das Heimweh?

Lange lange lange Reise
Nicht nach Afrika oder Asien oder ins All
Lange lange lange Reise
Wie ein Schrei im freier Fall
Unterwegs vom Berg ohne Tal
Ohne Aufprall
Ohne Widerhall.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung