TAGE SIND TAUSEND JAHRE

Der Tag ist so groß,
zeiträumig so groß
Ich verliere mich ständig unterwegs
von Morgen bis Abend

Und weiß am Ende des Tages nicht mehr
wer ich am Anfang war –
Der Tag verändert den Tagträumer
Läßt unverändert den Tagversäumer

Morgenstund hatte viel im Munde
Jede weitere Stunde war mal Wunde,
mal große große Empfindungsrunde,
mal Freude,
beinhaltete immer Bewegung im Grunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHIG NACH VORN

Ich blicke
wie die Nacht und wie der Morgen
wie die Nadel gebannt ihrem Norden
wie ein Kind im Vertrauen geborgen
wie ein Fluss durch Reisen klar geworden
ohne Angst und ohne Sorgen
in mein tägliches Geschick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WACKELBILD

Im Augen- und Tränenblick
erscheint trüb das Glück
wie ein Wackelbild gespiegelt
auf der Oberfläche eines Flusses
den Deine Reise überbrückt.

Schmerz bleibt und vergeht
und vergeht und bleibt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE NAVIGATOR

In der Landschaft meiner Gedanken
fliege ich, ein Flugzeug,
und ich fliege durch sie hindurch

Denn ich muß tausend Gedanken ignorieren
um den einen zu finden,
der mich unaufhörlich ruft

Ich sehe Euch alle
und ich liebe Euch alle
dennoch muss ich Euch alle verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDSEIN IST WENIGER WOANDERS SEIN

Du musst stark sein, Fremder
denn fremder als die Länder
und als die irdischen Gewänder
ist das Unbekannte im Bekannten,
das falsch Beschriebene im Benannten,
das ungerecht Getroffene im Verbannten.

Fremdsein ist weniger woanders sein,
sondern sogar Zuhause innerlich anders sein
und angeblich oder zwanghaft besonders sein
müssen um normal zu scheinen,
zu vertauschen lachen mit weinen,
im Unreinen mit Dir zu sein im Reinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZARTE DÄMMERUNG

Morgendämmerung
Vögeldämmerung
Gesangsdämmerung
Durch das offene Fenster
steigt der Morgen in mich ein
Angenehm kühle Luft
Vogelgesang und ein schmaler Schlitz
von diesem sanften zarten schwachen Blau
das bald verschwinden wird
wie ein Traum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÄTSEL DER EINSAMKEIT

Jeder Mensch leidet
zu einem gewissen Grade
an Einsamkeit.

Jedes Blatt in der Abendsonne
ist ein einsamer Gedanke
eines einsamen Baumes
eines einsamen Waldes
eines einsamen Planeten.

Wenn viele Einsamen zusammen kommen,
wird die Einsamkeit vertrieben
oder wird die Einsamkeit verstärkt?

Wenn viele Ebenen der Einsamkeit
auf einander treffen
gleichzeitig in Dir als Treffpunkt,
ist dann alles stimmig in Dir
oder bist Du verstimmt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLÖTZLICH FLÜCHTLING

Du machst Dir Sorgen
Du weißt nicht, wo Deine Frau ist
Ihr seid in unterschiedliche Richtungen gerannt
Jetzt sitzt Du hier in diesem Lager

Hat sie Eure Tochter mitgenommen?
Sie ist elf Jahre alt und zieht schon Blicke an…
Es ging alles so schnell – Schüsse!
Und weg ward Ihr alle!

Nur ein paar Sekunden flohst Du
Dann übermannte Dich wieder die Männlichkeit
Du drehtest Dich um, doch die waren verschwunden
Deine Frau und Deine Tochter

Chaos überall. Schüsse und Brand.
Du hast lange gesucht, vergebens –
Jetzt sitzt Du in diesem Lager und denkst
besorgt an Deine Frau und Tochter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEM DRANGE NACHGEBEN

Schwer lag auf mir der Drang,
den schweren Drang abzuwerfen –
Und der Drang danach,
dem Drang nachzugeben,
war so unerträglich,
daß ich dem Drang nachgab
und den Drang abwarf.

Erleichterung leert
Doch die Leere erleichtert nicht.

Jetzt bin ich leicht – und leer –
und sehne mich wieder nach dem Drang
und nach dem Drang danach,
mich dem Drang wieder nachzugeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENTZAUBERT

Sie sehnten sich nach einander
zehn Jahre lang

Labten sich an der Sehnsucht,
gefangen wie in einem Hang

Doch eine einzelne Nacht
entlud ihnen, enttäuscht, ihren Drang

und befreite sie, traurig, von ihrem Zwang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung