DER HERBST IST NICHT TIEF GENUG

Schmerz. Der Herbst ist nicht tief genug.
Aber ein anderes Krankenhaus haben wir nicht
außer den bunt werdenden Bäumen im Zug
des reifer Werdens des Jahres als Gedicht.

Ein Schmerzlindernbaum ist ein Herbstbaum,
jedes Blatt ein Herzblatt aus Nebel und fadem Licht.
Geister flüstern wie Wälder in meinem Traum
und irgendwo dadrin, Gedächtnis, Dein Gesicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITGARTEN

Hier bin ICH
räumlich
und zeitlich
Hier Bin ICH
so still wie die Zeit

Hier verliere ich mich
Hier finde ich mich
Hier pflanze ich mich
Hier pflege ich mich
Hier ernte ich mich

Wann ist Dein Zeitgarten?
Ein heimlicher Moment der Einkehr
beim Gehen, beim Warten,
beim Reden sogar, als wenn nichts wär…
Wo ist Dein Zeitgarten?

Hier wirst Du heilen.
Eine Sekunde fühlt sich so an
wie ein ewiges Verweilen.
Eine Kraft tanken, egal wo und wann,
so still wie die Zeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

*Den Begriff und das Wort “Zeitgarten” habe ich von Monika Guillery. Monika, Arno Börtzler und ich leiten zusammen den Frankfurter „Bahnhofsviertel-Literaturclub“.

AUSSCHMERZEN

Bleibe in dem Schmerze drin
bis er sich ausgelebt, ausgeschmerzt, hat -
Erst dann bist Du wirklich frei.

Weiche ihm nicht vorher aus, oder zurück.
Schritt für Schritt geh mit ihm den Weg -
Er bringt Dir vieles Wichtiges bei.

Und er wird noch mehr schmerzen,
bevor er aufhört. Menschen, die Du liebst,
werden Dich verraten. Es sei wie es sei.

Und er wird noch mehr schmerzen
bevor er aufhört, so wie der Winter lang wütet…
aber danach kommen April und Mai.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IN DEN AUGEN

Keine Augen sind blinder
als vorverurteilende
die alles schon besser wissen

Keine Blicke sind härter
als verletzte
die das Ersehnte vermissen

Keine Mienen sind kälter
als überhebliche
die durch Schweigen dissen

Keine Augen sind schärfer
als einsame,
Gewissen hin und her gerissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTNARBEN

Wenn der Herbst kommt
komme ich an
Werden die Blätter bunt
zeige ich meine wahren Farben
Werden die Bäume nackt
seht Ihr meine schönen Narben
Vertrauen habe ich verlernt
In Deutschland irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUGEN SPRECHEN

Augen sprechen
Oh! Wie laut sie sprechen.
Und deutlich. Eloquent!
Lass Dich für nur einen Moment
Von fremden Menschen heimlich
Mustern, bewundernd, unheimlich,
Einladend, ablehnend, freundlich,
Feindlich, lüstern, neugierig, kindlich,
Für Dich, gegen Dich, durch Dich
Hindurch, egal. Du fühlst Dich
Beobachtet, deutlich. Du drehst Dich um
Eure Augen treffen sich kurz und - Boom!
Ich weiß, was Du denkst wortwörtlich
Und Du weißt, was ich denke ziemlich
Genau, als hätten wir es mit Worten gesagt -
Meinungen ständig gegeben ungefragt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACH DEM STURM

Immer
Nach dem der Sturm gewütet hat
Immer
Nach dem der Sturm sich gelegt hat
Immer
Ist es darnach so
Als wäre überhaupt nichts passiert
Immer
Ist es darnach so
seltsam still… sterilisiert… saniert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREUDE SÜCHTIG

Freude
Süchtig machend
Flüchtig wie Dämmerung
Morgen und Abend

Dazwischen einmal die denkende Nacht,
Einmal der schaffende Tag. Einer lacht,
Eine weint. Beides ohne Freude gemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINFACH SO SEIN

Nicht jeder einsame Mensch
will Geselligkeit
Nicht jeder hungrige Mensch
will eine Mahlzeit
Nicht jeder desorientierte Mensch
will sich wieder erden
Nicht jeder verlorene Mensch
will gefunden werden

Manchmal will der Mensch
einfach so sein wie er ist
weil er genau das braucht
und nichts vermisst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TRAURIGE LÄCHELN

Es gibt Menschen
sie lächeln immer
aber in ihren Augen
leuchtet kein Schimmer

Traurigkeit tarnt sich
als Freude regelmäßig
Im Verhalten sanguinisch
Im Herzen melancholisch

Ich liebe Dein Lächeln
aber die Einsamkeit
in Deinen trüben Augen
Erfüllt mich mit Traurigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung