DA WO DU BIST

Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.

Er beginnt da, wo Du bist.

Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.

Es findet da statt, wo Du bist.

Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.

Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENUSS DES SCHWEIGENS

Ruhe –
Für einen Moment der Ruhe,
Barfuß in der Wohnung, ohne Schuhe,
das ist für mich Zuhause. Nichts
reimt sich inniger auf Verschnaufpause.
Die Wände haben Ohren aber ich rede nicht –
Meine Schuhe, voll beladen
mit den Geschichten der Stadt, liegen
verschwiegen in ihrer Truhe.
Als ich tot war, mußte ich andauernd reden.
Jetzt wo ich wieder lebe, komme ich endlich
in den Genuss des Schweigens,
vor dem ich nicht mehr fliehen muss.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN KLEINES ZEITFENSTER JEDES JAHR

Einem kleinen Moment
ein großes Stück Ewigkeit zu entnehmen;
Eine innere Angst
zur kraftspendenden Erkenntnis zu zähmen;
Die eigene Grobheit zu erkennen
und Dich dafür befreiend zu schämen –
Befreiend: es wird Dich nicht einschläfern,
nicht trotzig machen, nicht lähmen.

Ein kleines Zeitfenster jedes Jahr,
viele sind weich, oder weicher, gestimmt –
Mancher folgt dem Ruf bis in seine Tiefe,
während der andere auf der Oberfläche schwimmt –
Weihnachten ist Mehr. Wohl dem,
der den Berg dieser Erkenntnis erklimmt:
Erkenntnis der wahren ewigen selbstlosen Liebe,
die tiefer als Blut und höher als Instinkt sich benimmt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHIGE WEIHNACHTEN

Ruhige Weihnachten wünsche ich Euch
weil ich Euch gönnen würde
was ich mir wünsche –
jene stärkende heilende hoffnunggebende
angstnehmende erneuernde ehrliche
reife Ruhe
die nichts sagt, was nicht gesagt werden soll
und, wenn was ausgesprochen werden muss
es menschlich feinfühlig
und dennoch ehrlich sagt.

Eine Ruhe, die Wunder wirkt,
aus der das neue Jahr ausbricht
wie ein warmes Lachen in der Nacht.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ ALS SCHMERZMITTEL

Ich vermisse Dich
so sehr, daß
die Sehnsucht mir genügt
Sie ernährt mich Tag und Nacht
so daß die Wunde Deiner Abwesenheit
längst geheilt wurde durch meine
immer anwesende Sehnsucht nach Dir.

Stell Dir vor,
ein Tag ginge vorbei, in dem
ich an Dich kein einziges Mal dachte…
Das wäre wahrlich der traurigste Tag meines Lebens
schlimmer noch als Deine Abwesenheit
schlimmer noch als mein Schmerz
schlimmer noch als Dein Tod.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HIER NACHTS

Halte mich einen Moment länger
Sei seriöser, sei tiefer, sei strenger
Ich brauche Dich, inniger, enger.
In Sachen Vertrauen bin ich Anfänger
Tagsüber liebt Dich mein Doppelgänger –
Der hier Nachts, das bin ich wirklich,
Zerbrechlich, ängstlich und liebessüchtig.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS, WAS WIR TEILEN

Manchmal triffst Du jemanden
irgendwo irgendwann
der gerade dann
nirgendwo ist.

Ohne, daß Du es weißt, bist Du
genau dann genau dort
alles, was er hat,
alles, was sie braucht

Orientierung
Stärkung, Freude und Nahrung
Hoffnung
Genau so, wie Du bist.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STARK AUSSEHENDE MENSCHEN

Halte mich
Ich falle
Wenn ich falle, falle ich schnell

Warte nicht bis ich stolpere
Um nach mir zu greifen
Da ist es schon zu spät

Halte mich dann, wenn ich stark bin
Oder so aussehe
Als wäre ich stark…

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ATEMZÜGE

Ich mag es
Deinem Atem zu lauschen
Und während Du neben mir schlafend liegst
An den langen Weg hinter uns zu denken
Der mir so kurz vorkommt
Und an den unbekannten Weg vor uns
Der mir endlos scheint.
Ich mag es, Deinen Atem zu belauschen
Und mich in Gedanken mit Dir auszutauschen
Während Du neben mir schlafend liegst.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung