DER HIER NACHTS

Halte mich einen Moment länger
Sei seriöser, sei tiefer, sei strenger
Ich brauche Dich, inniger, enger.
In Sachen Vertrauen bin ich Anfänger
Tagsüber liebt Dich mein Doppelgänger –
Der hier Nachts, das bin ich wirklich,
Zerbrechlich, ängstlich und liebessüchtig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS, WAS WIR TEILEN

Manchmal triffst Du jemanden
irgendwo irgendwann
der gerade dann
nirgendwo ist.

Ohne, daß Du es weißt, bist Du
genau dann genau dort
alles, was er hat,
alles, was sie braucht

Orientierung
Stärkung, Freude und Nahrung
Hoffnung
Genau so, wie Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STARK AUSSEHENDE MENSCHEN

Halte mich
Ich falle
Wenn ich falle, falle ich schnell

Warte nicht bis ich stolpere
Um nach mir zu greifen
Da ist es schon zu spät

Halte mich dann, wenn ich stark bin
Oder so aussehe
Als wäre ich stark…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ATEMZÜGE

Ich mag es
Deinem Atem zu lauschen
Und während Du neben mir schlafend liegst
An den langen Weg hinter uns zu denken
Der mir so kurz vorkommt
Und an den unbekannten Weg vor uns
Der mir endlos scheint.
Ich mag es, Deinen Atem zu belauschen
Und mich in Gedanken mit Dir auszutauschen
Während Du neben mir schlafend liegst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CORONA

Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf die Welt bitte nicht gesunden
Steigend der Geldfieber
Dem Durchbruch entgegen fiebernd
Fieberhaft
Der Gewinner bekommt alles
Der Verlierer darf seinen Mundschutz abnehmen
Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf keine Normalität einkehren
Auch wenn wir keine Luft mehr kriegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUER TAG, NEUE HOFFNUNG

Ein Hahn kräht
Im Dämnertal des Erwachens
Ich liege, wach, im Bett
Und träume, der Hahn hätt gekräht
Vielleicht sind es meine Empfindunen
Die ich jeden Morgen aussende
Mit einem inneren Schrei der Hoffnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VERUNSICHERT UND HOFFNUNGSVOLL

Vertrauen
genug um mich zu trauen
aufzutauen
und zu vertrauen

Wenn Kokon meine Welt ist
und Schmetterling mein unklarer Traum
wie komme ich ohne Aussicht
auf den Gedanken „mehr Raum“ ?

Wann merke ich, daß das Ende
nur eine Grenze ist, die fallen kann?
Die ich öffnen kann dem Fremden,
denn er bietet mir seine Hand an.

Menschenfarben, von denen
ich seit gestern Ablehnung gewohnt bin
marschieren heute für mich in Tränen
rufend Black Lives Matter. Ist Echtes drin?

Es verunsichert und verwirrt mich.
Nervös warte ich auf morgen –
bereit, mich zu verlassen wieder nur auf mich –
bereit auch, neuen Wegen zu folgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKEROBERUNG DER FREUDE

Himmel blau
Straßen ohne Stau
Affe, Ziege, Delphin, Sau
stellen sich wieder zur Schau
mitten im Menschenbau
inmitten der ehemaligen Natur
Tier-Erinnerung an Blumenflur
dreht zurück die innere Uhr.
Möge auch ich, die menschliche Kreatur
entdecke wieder neu die Urfreude pur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE OBERFLÄCHE DER TIEFE

Manche Ringe sind so tief
Du musst sie auf die Oberfläche ziehen
Um sie anziehen zu können
Manche Wälder sind so wild
Du musst sie als Gärten erzählen
Um sie begreifbar zu machen
Manche Schmerzen sind so lähmend
Du musst sie lächelnd ignorieren
Um sie ungestört in Dir wüten zu lassen
Einst liebte ich die Tiefe
Verpönte die Oberfläche
Bis die Tiefe mich verriet
Und die Oberfläche mich tröstete
Vorübergehend und oberflächlich zwar
Doch genau richtig für dort
Wo ich innerlich gerade war.

Che Chidi Chukwumerije (23.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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