Jedes Mal, wenn ich ansetze, Trauriges zu schreiben, steigen Zuversicht, Gleichmut, Hoffnung, Ruhe in meine Sätze hinein, machen aus einem langen Bericht ein Standbild meiner abstrakteren Schätze, eine kleine Nachtmusik, ein kurzes Gedicht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Heilung
DIE BESTEN GESCHENKE
Heiligabend. War er bereits –
mit Geschenken mehr oder weniger beladen –
bei Euch gewesen?
Nicht vergessen, zieht hoch die Rolladen…
Schaut hinter die Fassaden:
Die besten Geschenke
kommen, reich beladen, von Herzen
und lindern den Mitmenschen
ihre Trauer, ihre Einsamkeit und ihre Schmerzen…
Brennen heller als alle Adventskerzen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GEBEN EMPFANGEN
Vielleicht ist es Dir entgangen
Du warst die Antwort auf mein Verlangen
Von der Einsamkeit eingefangen
Zweisamkeit anbietend hinausgegangen
Als Worte, die zittern, die bangen,
die in Deine Sehnsucht hineindrangen
Worte, die miteinander mitsangen
Eine Wellenlänge, auf der wir schwangen
Gemeinsam gefangen
Gemeinsam ausklangen
Geben ist das schönste Empfangen
und ist das Schönste empfangen.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WUNDE STUNDE
Es ist jene Stunde erneut der Selbstliebe des Selbsthasses der gesteigerten Triebe des inneren Kompasses der Hoffnungssiebe des Ich-Strafmaßes der Traumdiebe des neuen Anlasses die Wunde zu lecken, unbereut. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SOLLEN WIR WARTEN BIS ZUR TRAUERFEIER?
Sollen wir warten bis zur Trauerfeier, um erst dann zu werden (un)endlich freier? Sollen wir‘s hinausschieben bis zur Beisetzung, um anzuerkennen innere Verletzung? Sollen wir zögern bis zum letzten Abschied, um zu teilen unserer Herzen Lied? Wir harren im Kriegen im Sehnen nach Frieden, schaffen uns Schmerz und wollen Glück schmieden. Versöhnungsversuche heute wieder nicht gestartet. Wie lange wollen wir noch warten auf ein Ende, daß auf uns nicht wartet, in einer Form, die wir nicht erwarten? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FRIEDFERTIGKEIT
Wenn Waffen alles sind, was Du hast - Massenvernichtungswaffen - weine, geistschlaffe Seele, weine. Du hast den Sinn verroht und verprasst auf der Reise zum Menschen vom Affen. Intelligenz im Aufleuchten verblasst, wo Ziel und Treffer auseinander klaffen. Unter des Evolutionsauftrags Last, gibt‘s nur einen Weg, der dazu passt: die Massen retten durch aufbauendes Schaffen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MORGENHERZ
Vorfreude und ich weiß nicht worauf –
Kopf blank, Herz gut drauf –
Lächeln und Schmunzeln abwechselnd
spannen sich im Wettlauf miteinander auf.
Irgendwo in seinem sturen Herzen
hört der Winter den Frühling scherzen –
Hoffnung und Heilung abwechselnd
bewegen sich in meinen Schmerzen aufeinander zu.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DA WO DU BIST
Frag keinen nach dem Weg.
Er wird Dir nur seinen Weg zeigen,
nicht Deinen. Deiner ist eigen.
Er beginnt da, wo Du bist.
Frag keinen nach dem Landungssteg.
Er wird Dir nur seine Beine zeigen,
nicht Deine. Selbst mußt Du umsteigen.
Es findet da statt, wo Du bist.
Menschen können aussehen, wie Du –
Sie haben trotzdem eine andere Aussicht.
Menschen können anders aussehen als Du –
Sie verstehen trotzdem Veränderung nicht.
Zumindest die nicht, die die Deine ist –
Sie verändert Dich, und dort, wo Du bist.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GENUSS DES SCHWEIGENS
Ruhe –
Für einen Moment der Ruhe,
Barfuß in der Wohnung, ohne Schuhe,
das ist für mich Zuhause. Nichts
reimt sich inniger auf Verschnaufpause.
Die Wände haben Ohren aber ich rede nicht –
Meine Schuhe, voll beladen
mit den Geschichten der Stadt, liegen
verschwiegen in ihrer Truhe.
Als ich tot war, mußte ich andauernd reden.
Jetzt wo ich wieder lebe, komme ich endlich
in den Genuss des Schweigens,
vor dem ich nicht mehr fliehen muss.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EIN KLEINES ZEITFENSTER JEDES JAHR
Einem kleinen Moment
ein großes Stück Ewigkeit zu entnehmen;
Eine innere Angst
zur kraftspendenden Erkenntnis zu zähmen;
Die eigene Grobheit zu erkennen
und Dich dafür befreiend zu schämen –
Befreiend: es wird Dich nicht einschläfern,
nicht trotzig machen, nicht lähmen.
Ein kleines Zeitfenster jedes Jahr,
viele sind weich, oder weicher, gestimmt –
Mancher folgt dem Ruf bis in seine Tiefe,
während der andere auf der Oberfläche schwimmt –
Weihnachten ist Mehr. Wohl dem,
der den Berg dieser Erkenntnis erklimmt:
Erkenntnis der wahren ewigen selbstlosen Liebe,
die tiefer als Blut und höher als Instinkt sich benimmt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
